Friedrich (Wilhelm) Nietzsche [L9]

Nietzsches Philosophie stellt zwei Elemente gegenüber: das apollinische Element, das den Menschen durch die Bilderwelt von Schein und Traum in eine Distanz zur Welt setzt, aus der er die so abgespaltete Welt neu gestalten kann, und das dionysische, das den Menschen wieder mit der von ihm abgespaltenen Welt versöhnt und eint, indem es ihn im Rausch und in der Ekstase seines eigenen Wesens erfahren lässt. Der Mensch gestaltet nicht mehr die Welt, er ist die Welt. »Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden.«

Seine Weitsichtigkeit sagte voraus, was in der europäischen Zivilisation in den folgenden Jahrzehnten von großer Bedeutung sein werde. Er sah die selbstbewusst gewordene Gesellschaft, die über ihre Erfolge in der Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft den Wert des Glaubens an den christlichen Gott verloren hatte. Er sah unter denjenigen, die die Demokratie, den Sozialismus oder den Kommunismus beherzigten, große Spannungen aufkommen, und sagte Kriege voraus, die ihres gleichen in der Geschichte suchen werden. Sein Tod am 25.8.1900 verhinderte, dass seine präzisen Voraussagen sehen konnte.

Jahrelang wurde Nietzsche fälschlicher Weise mit Adolf Hitler und Faschismus in Verbindung gebracht. Grund für diese Verwechslung waren die Schreiben seiner Schwester Elisabeth, die ihre antisemitische Einstellung wiedergab. Nietzsche gilt als Vertreter des Nihilismus.

Der Nihilismus

behauptet, dass es keinerlei Basis für Wissen oder Wahrheit gibt. Er lehnte pauschal alle Bräuche den Glauben sowie die Moral ab (ethischer Nihilismus). Hinter dieser Idee liegt die Überzeugung, dass die Existenz keinen Sinn hat.

Der Nihilismus hat auch politische Wirkungen gehabt und zum Anarchismus geführt [28]. So waren die Anarchisten wie Mikhail Bakunin (1814-76) der Überzeugung, dass Regierungen unnötig seien und das jede Person seinen eigenen Gesetzen folgen solle. Bakunin, der ein Schriftsteller und Revolutionär war, vertrat die Ansicht, dass die Arbeiter und Bauern die bestehende wirtschaftliche und politische Ordnung durch Unruhen zerstören sollen. 1842 schrieb er in einer Zeitschrift, dass die Zuneigung zur Zerstörung eine kreative Zuneigung sei [L8].