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existierte als Nachfolgestaat der Anatolischen Seltschuken zwischen 1299-1924 n. Z. Ab 1517 übernahm es zur weiteren Legitimation seiner Macht durch den Sultan Selim I. (1512-20) das Kalifat und war somit der Islamische Staat schlechthin, der damals im Namen Allahs im Nahen und Mittleren Osten als Autorität herrschen konnte. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte das Osmanische Reich zwischen 1432-1566. Jedoch hat die Entwicklung im Westen dem Osmanischen Reich nichts genützt, und es musste Anfang des 20. Jahrhunderts untergehen.
Der Grund dieser Entwicklung wird kontrovers diskutiert, und es gibt verschiedene Ansätze. Ich versuche hier einen neuen:
Das Osmanische Reich in seiner Funktion als Kalifat berief sich auf den (sunnitischen) Islam, der der Islamischen Gemeinschaft es verbietet, die Aufstellung des Kalifs mehr als drei Tage hinauszuschieben. In seinem politischen Selbstverständnis sah es sich seit seinem Bestehen im Jahre 622 n. Z. als das einzige, von Gott legitimierte System, alle anderen Staaten aber als illegitim. Sein politisches Ziel war es, den Gesetzen Gottes Geltung zu verschaffen und die Welt unter dieser einzig gerechten Herrschaft zu einen. Andersgläubige konnten ihren Glauben ausüben, den Juden und Christen wurden Sonderrechte eingeräumt. (Den »Leuten des Buches« wurde z. B. per Gesetz eine eigene Rechtsprechung in bestimmten Fragen und die Wahl, in einer Angelegenheit zwischen der islamischen Gesetzgebung und der des eigenen Glaubens zu wählen oder einer seinen Glauben zu verlassen und einer anderen Religion zu folgen gegeben). Um die Herrschaft der Gesetze zu verbreiten, war es selbstverständlich, dass man selbst gemäß diesen Gesetzen handelt. So wurden allgemeine Regeln eingehalten, die da lauten, dass alle »Dinge« erlaubt sind, es sei denn, sie widersprechen ausdrücklich dem Gesetz. Die Kategorisierung aller »Handlungen« sind aber so lange ungewiss, bis herausgefunden wird, ob sie geboten, erlaubt oder verboten sind. Somit war die Jurisdiktion gezwungen, bevor eine Handlung vom Staat aus gutgeheißen wurde festzustellen, in welche Kategorie sie fällt. Dies wurde an Hand der Heiligen Schrift (der »Edle Quran« und den Überlieferungen des Propheten Muhammad) und nach dem Analogieschluss aus diesen Quellen sowie anderen Regeln der verschiedenen Rechtsschulen entschieden. Der Kalif war die einzige Person, der in bestimmten Bereichen die so gefundenen Rechtssprüche für seine Untertanen bindend machen konnte. Der Staat war trotz Gebot des Gehorsams in den Heiligen Schriften gegenüber dem Kalifen keine Monarchie, da der Gehorsam bedingt war: nur so lange der Kalif »dem Rechten Wege« folgt und nur in Teilbereichen war sie vorgeschrieben. Sonst musste er zurecht gewiesen oder vom Amte entfernt werden.
Gerade in diesem Punkt hatte der Staat aber ein Problem, denn im 12. Jahrhundert n. Z. hatte man festgelegt, dass die Herleitung neuer Gesetze nicht mehr erlaubt sei, da man jetzt »alles hergeleitet hat, was notwendig ist«. Die ersten Jahrhunderte nach dieser Festlegung entstand aber dadurch kein ideologisches Problem, da es fasst nichts neues gab. Der Okzident war im Dornröschenschlaf und stark zerstritten: Glaubenskriege und Feindschaften machten seine Macht zunichte. Dies änderte sich mit der Renaissance, als durch die Abwendung von der Kirche der weltliche, machiavellische Staat die Oberhand gewann, der die Menschen zu Knechten der absoluten Herrschern machte. Mit dem Einfluss der Moderne entstanden viele gesellschaftliche Probleme und Umwälzungen, durch den technischen Fortschritt die wirtschaftliche Macht und Erfolge auf den Schlachtfeldern. Die westliche Ideologie war eigentlich auch eine Reaktion auf den Orient und dessen »Islamische Ideologie« wenn man so will, denn der Islam war und ist nicht nur individuelle Überzeugung, sondern auch Staatsideologie. Somit war das Islamische Kalifat Feindbild Nummer eins. Fürchten brauchte man sich nicht mehr, denn man war nun stark und vereint genug, sich diesem politischen Problem zu stellen.
Was zur selben Zeit im Kalifat geschah, als die Renaissance in Europa Veränderungen mit sich brachte, war zuerst das, was bei Staaten, die ihren Zenit überschritten haben in der Geschichte immer wieder zu beobachten ist: die Selbstverherrlichung verhinderte eine ernste Auseinandersetzung mit den Geschehnissen im Westen, und man geringschätzte alles, was von dort kam. So soll schon das Heer sich um 1560 geweigert haben, neue Flinten einzuführen. Die einzige bleibende Eroberung nach diesem Zeitpunkt war Zypern, das noch heute zum Teil dem Nachfolgerstaat gehört. Alles, was von den »Ungläubigen« kam, war null und nichtig, ja noch weniger: es war ein Teufelszeug und kam nicht zur Anwendung, da die Gelehrten nicht verstehen konnten oder zugeben wollten, dass ihnen mittlerweilen das Werkzeug des Analogieschlusses fehlte, ohne das sie nicht im Stande waren, Neuigkeiten islamisch zu interpretieren und zu einem islamischen Gesetz zu kommen. Die sich überstürzenden Ereignisse (Niederlagen, das vorkoloniale Zeitalters und die Einflüsse aus dem Westen) machten an die zwei Jahrhunderte den Staat dem Neuen gegenüber verschlossen.
Danach erkannte man, dass »etwas
wesentliches« nicht mehr funktionierte, nämlich die
Eroberungen blieben aus. Man zerbrach sich den Kopf darüber,
was wohl die Ursache sein könnte. Aber die Selbstbeurteilung
ist an sich schwierig, und wenn man sich noch von dem Rest der
Welt abkapselt und noch obendrein überheblich ist, wird es
ungemein schwierig, eine Diagnose zu stellen und schier unmöglich,
brauchbare Schlüsse zu ziehen. Durch den Druck des Westens
verlor der Staat immer mehr an Macht. 1839 bekamen alle Untertanen
des Kalifats das Recht, gleiche Bürger zu sein, egal, welcher
Glaubensrichtung sie nun angehörten - eine Abweichung vom
Islam, der dem Muslim im Staat eine andere Rolle zuschreibt als
den Andersgläubigen. Somit war der Weg für nichtmuslimische
Politiker geöffnet. 1857 wurde europäisches Handelsgesetz
adaptiert. Es gab dann auch zwei verschiedene Arten von Gerichten.
Der Staat wurde »konstitutionell«, indem das erste Parlament
1876 gewählt wurde. Die Dauer der ersten konstitutionellen
Periode war kurz. Wegen dem Russisch-Osmanischen Krieg wurde das
Parlament aufgelöst und bis 1909 nicht mehr versammelt. Bis
zum Berliner Kongress (13.6.-13.7.1878), wo eine neue Weltordnung
nach dem Wiener Kongress (September 1814 bis Juni 1815) beschlossen
und festgelegt wurde, kamen ausschließlich islamische Gesetze
zur Anwendung. Das Kalifat wurde hier zum ersten Mal gezwungen,
seine Außenpolitik auf allgemein anerkannte, nichtislamische
Grundlagen zu errichten. Auch Abspaltungen von Provinzen wie Ägypten
machten ihm zu schaffen. Die Gelehrten verloren ihre Chance, wortführend
zu sein, die Bürokraten gewannen die Oberhand. Schließlich
wurde der Staat geistig und militärisch von den Ideen des
Westens überwältigt und verschwand am 3.3.1924 völlig.
Die Frage drängt sich auf, warum man vom Westen nehmen muss, wenn man selber etwas erfinden kann - oder waren sie nicht im Stande, Neues selber zu entwickeln? Sie waren es, aber die Art und Weise, wie der Staat mit diesen Erfindungen umging, war maßgebend. Es sollen hier einige Beispiele angeführt werden:
So soll 1609 kurz nach dem Amtsantritt
des Sultans Murat IV. ein Mann, der sich Hezarfen Ahmet Çelebi
nannte (pers. Hezar = tausend, arab. Fen = Naturwissenschaften),
gewagt haben, mit Flügeln aus Adlerfedern in Istanbul von
Beyolu (Pera) hinüber nach Üsküdar (Skutari) zu
fliegen. Er soll sich außerhalb der Stadt (heute Okmeydani)
auf den Flug vorbereitet haben. Als er gesehen habe, dass es grundsätzlich
möglich war so zu fliegen, sei er vom Galata-Turm aus bei
warmem Südwind über das Meer, vorbei an dem »Mädchenturm«
geflogen und im heutigen Üsküdar auf dem »Falkenplatz«
(Doancilar Meydani) gelandet. Da er nicht um Erlaubnis des Sultans
gebeten hatte, wurde er nach Nordafrika verbannt, nachdem er mit
Golddukaten beschenkt wurde.

Ein knappes Jahr danach soll ein anderer Mann namens Lagâri Hasan, dieses Mal mit der Erlaubnis des Sultans und vor den alten Stadtmauern von Istanbul bei seiner Anwesenheit ein noch waghalsigeres Unternehmen gestartet haben. Er hatte im Unterschied zum Hezarfen Ahmet Çelebi mehrere Helfer, die in einer Holztonne einen Pulverkitt gefüllt haben sollen, der mit sieben Zündschnuren angezündet wurde. Während die Rakete senkrecht startete soll Lagâri Hasan, bekleidet ausschließlich mit Flügeln aus Adlerfedern, auf dem Fass platzgenommen haben und in den tiefschwarzen Nachthimmel entschwunden sein. Nachdem seine Majestät Murat IV. mit seinem Gefolge einige Zeit vergebens auf die Rückkehr wartete, soll er seine Dienerschaft zum Aufbruch befohlen haben. Gerade da wäre aber plötzlich der Raketenflieger angeschwommen gekommen und hätte dem Sultan »Grüße vom Propheten Jesus« erteilt! Lagâri Hasan wurde auch reichlich belohnt, dann aber als Offizier, weit vom hochherrschaftlichen Topkapi-Palast entfernt, in die Krim geschickt worden sein.
Als drittes Beispiel ist vom Anfang des 20. Jahrhunderts: Als Flugpioniere in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Europa ihre ersten Flüge versuchten, soll auch in der jungen Türkei ein Mann ein Flugzeug gebaut und Passagiere transportiert haben. Durch ständige Verbote eingeengt landete er am Schluss sogar auf Feldern, um den Beamten zu entkommen. Schließlich musste er aufgeben.
Diese Beispiele sollen zeigen, wie im Orient mit Neuigkeiten umgegangen wurde. Dies war aber nicht erst ab der 17. Jahrhundert so, sondern schon im 10. Jahrhundert soll laut Adam Metz [»Renaissance des Islams«] die Verwendung von Mühlenrädern auf dem Tigris verboten worden sein. Der Staat hatte also keine Interesse an Erneuerungen. Grund war möglicherweise die existenzielle Angst der Herrscher.