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Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen dem Menschen und der Moderne, die aus den sogenannten westlichen Ländern Industrieländer machte. Mit »Moderne« wollen wir hier lediglich Modernität verstanden wissen. Es werden also modische Trends in der Kleidung und dergleichen nicht berücksichtigt, da sie nur heutig oder vorübergehend sind und den Menschen nicht so stark verändern. Die gewählte Perspektive ist eine mehrheitlich westliche, um das Phänomen aus einem fixen Standpunkt besser verstehen zu können. Da es aber keineswegs nur ein westliches Phänomen ist, würde ein Wechsel der Perspektive neue Einblicke ermöglichen. Einige Vergleiche mit anderen Zivilisationen und deren Umgang mit der Moderne werden angedeutet.
Die Moderne ist ein Zeitalter, dessen Anfang man
an den Beginn des 15. Jahrhunderts setzten kann. Sie unterscheidet
sich von den herkömmlichen Zeiten durch einen rasanten Fortschritt,
der rapiden Zunahme des Wissens, einer systematischen Anwendung
des erworbenen Wissens in der Technik [2]
sowie Forschung in Bereichen, die durch die Technik erschlossen
oder interessant geworden sind. Die Folgen waren auch in der Politik
und Kultur erheblich. Das Problem der Freiheit des Menschen
wurde zu einer wichtigen Frage. Wie und warum es zu dieser Entwicklung
kam kann besser beantworten werden, indem man den Zeitraum vom
7. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart vorbeiziehen lässt.
Denn einige Philosophen des Altertums haben die Moderne mit ihren
Gedanken erheblich beeinflusst. Die Behauptung des Philosophen
und Mathematikers Alfred North Whitehead,
die europäische Philosophie könne am sichersten als
eine Sammlung von Fußnoten zu Plato gesehen werden, ist
etwas übertrieben, beinhaltet aber viel Wahres in sich.
Es stellt sich nun die Frage, was denn der Unterschied
zwischen der Philosophie der Griechen und der späteren Philosophie
ist. Die Antwort bekommt man, wenn man die Aussagen der Philosophen
und deren Einstellung zu dieser Wissenschaft vergleicht. Man bemerkt
dabei, dass die Philosophie des Altertums sich von der mittelalterlichen
Philosophie unterschied, indem sie den Anspruch hatte, die führende
Wissenschaft [3]
zu sein. Dies durfte sie im Mittelalter nicht, da das Ressort
für Antworten auf wichtige Fragen wie der Sinn des Ganzen
oder das Sein an sich ausschließlich die Religion war. Was
ist der Unterschied zwischen der altgriechischen und der modernen
Philosophie? Es ist der Einfluss der Naturwissenschaften und der
Technik, den wir in diesem Artikel genau verfolgen werden.
Die Moderne hat ihren Anfang im 15. Jahrhundert.
Trotzdem ist es um die Zusammenhänge zu verstehen wichtig,
zu wissen, was zu ihr geführt hat. Der Einfluss des Altertums,
insbesondere von Plato und Aristoteles, war groß: durch
ihn und dem Umstand, dass die Kirche Aristoteles akzeptierte und
über Jahrhunderte an den Hebeln der Macht war, wurde der
Einfluss naturwissenschaftlichen Denkens im Abendland verzögert
und der Fortschritt gehemmt. Im Morgenland war der Einfluss dieser
Philosophien wieder ein anderer, der aber nicht das Thema dieses
Artikels ist.
Zu Beginn der Neuzeit war die Philosophie gerade
im Begriff, sich vom religiösen Denken zu emanzipieren. Bis
dato stand sie im Mittelalter neben dem Leben, indem sie die letzten
Fragen nicht stellen durfte, weil die Mauer des Glaubens unantastbar
war. Der Glaube aber beinhaltete weiterhin Widersprüche -
trotz Thomas von Aquin.
Somit wurde er nicht mehr als Grenze akzeptiert, denn das Vertrauen
in ihre Lehren war erschüttert. Die Renaissance,
die erste Epoche der Neuzeit, »durchbricht die Fesseln des
Glaubens und akzeptiert nicht mehr so ohne weiteres einen Gott,
der über allem steht. Sie kennt nur einen allen Dingen innewohnenden
Gott« [L1]. Der Pantheismus
(Gott ist in allem) verbreitet sich durch das neue Gedankengut,
das sich auf die Antike bezieht. Warum griff man auf Gedanken
aus längst vergangene Zeiten zurückgriff, um sich ohne
die Unterstützung der Kirche aufzurichten, soll folgende
These erklären:
Im 16. und 17. Jahrhundert vertraute man nicht länger
den Lehren der Kirche, sondern versuchte, durch selbständiges
Denken Antworten auf Fragen zu finden, die den menschlichen Geist
bedrängten. Man könnte den Anfang der Renaissance auf
1453 legen, wo die Türken Byzanz eroberten, was zur Folge
hatte, dass die Schätze der dortigen Bibliotheken sich über
ganz Europa verbreiteten [L1].
Es folgen nun Persönlichkeiten, die die Moderne
erheblich beeinflussten und wegweisend waren. Einer von ihnen
ist sicherlich das Universalgenie Leonardo
da Vinci (1452-1519), das sich in zahlreichen Bereichen
der Wissenschaft, Kunst und Technologie betätigte.
Seine wichtigsten Erkenntnisse waren,
dass er sich
Durch die Erforschung des Universums bekommt die
Moderne Rückenwind. Den großen Anfang macht Nikolaus
Kopernikus (1473-1543). Gemäß
seinen Entdeckungen steht mit ein Mal die Erde nicht mehr im Mittelpunkt
des Kosmos: das heliozentrisches Weltbild stellt sich als falsch
heraus. Dies wird in der Wissenschaft als Kopernikanische Wende
bezeichnet. Kopernikus' Aussage, die Sonne stehe im Zentrum der
Bewegungen, wurde nicht als Hypothese aufgestellt, sondern baute
auf genaue Beobachtungen und deren Interpretationen. Er schrieb,
dass »jede Veränderung der Position, die beobachtet
wird, entweder der Bewegung des beobachteten Objekts oder
des Beobachters oder der Bewegung beider zuzuschreiben
ist« [L1]. Dies war der erste
Anfang eines Relativismus in der Wissenschaftsgeschichte,
die bis heute anhält und sogar die Philosophie, die »Mutter
der Wissenschaften«, beeinflusst hat. Er zeigte, dass durch
einen verbesserten Ansatz die Naturphänomene vereinfacht
zu erklären sind, was anderen Erklärungen
vorzuziehen ist.
Der erste Philosoph in dieser neuen Zeit, der Neuzeit,
der jenseits des »Kirchenskeptizismus« Ideen öffentlich
verbreitete, war Giordano Bruno (1548-1600). Ursprünglich
Mitglied des Dominikanerordens muss er schon frühzeitig vor
der Inquisition fliehen. Als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen
nimmt Bruno den Anblick der Unendlichkeit, der sich dem Betrachter
bietet, wenn er zum Himmel schaut.
Die Bewegung dieses ganzen Systems ist in allen Teilen des Ganzen,
wird also nicht von außen - etwa von Gott - gesteuert. Die
Welt, das Universum, ist ihr eigenes Subjekt. Gott ist lediglich
allen Dingen immanent (innewohnend), als Natur der Natur, nicht
aber als transzendentes (übernatürliches) Wesen. Bruno
wurde durch seine Ideen bekannt, lebt im Schutz von Fürsten,
wird schließlich nach Venedig gelockt und dort festgenommen.
In Rom wird er sieben Jahre eingesperrt und gefoltert, dann wegen
Gottlosigkeit verbrannt, weil er seinen Ideen treu blieb. Seine
Philosophie fußt nicht so sehr auf dem naturwissenschaftlichen
Denken. Er verachtet noch die Mathematik, die bald durch manche
Ereignisse zum entscheidenden Instrument der Erkenntnis wurde,
wie wir noch sehen werden.
Die Neuzeit bringt Staatsphilosophen hervor,
wie Sir Thomas More (alias Thomas Morus,
1478-1535), der mit dem Roman »Utopia« (Nirgendland)
seine Vorstellungen über den Staat veröffentlichte,
der eine Idealgesellschaft mit absoluter
Gleichheit, ohne Besitz sowie mit Freiheit der Religion ermöglicht.
Niccolò Machiavelli (1469-1527) entwickelt einen völlig
weltlichen Staat, unterwirft aber die Moral der Politik, was den
absolutistischen Herrschern nach ihm ein theoretisches Werkzeug
in die Hand drückt, womit sie nach eigenem Ermessen regieren
und urteilen können. So kann man sagen, dass die Renaissance
einerseits den Menschen aus den gedanklichen Fesseln des Mittelalters
befreite, ihn aber andererseits in die politische Abhängigkeit
von absoluten Herrschern brachte.
Seit etwa 1600 entwickelt sich die
Wissenschaft zielstrebiger als vorher. Dieser Aufschwung wurde
durch verschiedene Umstände gefördert:
In der Chemie wurden Fortschritte zuerst
langsam gemacht, da der Einfluss der Alchimie noch groß
war. Der Beginn der modernen chemischen Forschung machte
der Arzt Paracelsus (um 1493-1541). Die Atomtheorie von
Demokrit, Leukipposund Epikur (5. Jahrhundert v. Chr.) [A1]
galt lange Zeit als gottlos und wurde erst im 17. Jahrhundert
wieder von dem Botaniker Joachim Jung (1587-1657) und dem Philosoph
Petrus Gassendi (alias Pierre Gassend) (1592-1655) aufgegriffen.
Letzterer stellte die richtige Hypothese auf, es hänge von
der Geschwindigkeit der Atome ab, was für einen Aggregatzustand
ein Stoff habe. Die Lehre der Elemente wurde durch Experimente
von Robert Boyle (1627-91) festgelegt und von der antiken in
die moderne Form verändert. Er fand u. a., dass Elemente
aus kleinsten Teilchen, den »Atomen«, bestehen und sich
zu Molekülen zusammenschließen. Damit waren die
modernen Vorstellungen der Chemie geboren.
Galilei Galileo (1564-1642) ist durch
seine mathematisch erfassbaren Gesetze berühmt geworden,
zu denen er durch Anschauung und Experimente kam. Durch eine Versuchsanordnung,
die künstliche Bedingungen in der Art der vermuteten Ursachen
konstruiert, kommt er auf dem Wege der Induktion [10]
zu Schlüssen (Naturgesetzen). Durch diese Vorgehensweise
zerstört er den konzeptuellen Rahmen, der von der Kirche
vorgeschrieben wurde, indem er auf die veröffentlichten Werke
von Kopernikus zurückgreift, die besagten, dass die Erde
sich um die Sonne dreht. So kann man Galileo als den Vater der
modernen Wissenschaft sehen, denn Kopernikus nannte diesen
Umstand nur eine Idee. Seine Wissenschaft
basierte im Unterschied zum Wissen der Antike auf Beobachtungen.
Einer der berühmten Astronomen
des 16. Jahrhunderts war Tycho Brahe (1546-1601), der ein schlechter
Theoretiker, aber ein guter Beobachter war. Er erkannte, dass
man dem wahren Wert am nächsten kommt, wenn man jede Größe
viele Male hintereinander misst und dann einen Mittelwert aus
den einzelnen Messresultaten bildet. Er beobachtete auch die Entstehung
einer »Nova [11]«, die
nach damaliger Auffassung ein neuer Stern am Himmel war. Da sich
dieser gegenüber dem Fixsternhimmel nicht bewegte, war es
klar, dass er außerhalb des Planetensystems stand. Dies
war eine für die damalige Zeit ungeheure Beobachtung. Sie
zeigte nämlich, dass der Fixsternhimmel nicht etwas Bleibendes
ist, sondern dass sich hier Neues bildet und vielleicht auch
Altes vergeht.
Seine Aufzeichnungen halfen Johannes
Kepler (1571-1630), durch die Messbarkeit der Bewegungen im Weltall
auf eine innewohnende Vernunft und Harmonie des gesamten Planetensystems
zu kommen. Er hatte die letzten zwei Jahre Tycho Brahe in Prag
assistiert. Durch Abweichungen bis zu acht Bogensekunden beim
Mars kam er darauf, dass dies außerhalb der Messfehler lag,
worauf er nach jahrelanger Arbeit durchProbierenherausfand, dass
Planetenbahnen statt Kreise Ellipsen sind (»Keplersche Gesetze«).
Er sah aber wie der Grieche Pythagoras, dass jeder Planet in der
Umlaufbahn einen Ton singe und dass die Harmonie des Weltalls
sich in einer Art Sphärenmusik ausdrücke - eine Harmonie
in sich selbst, die nicht mehr von den Intentionen Gottes gelenkt
wird. »Alles ist des Menschen wegen da«, meint er.
Der Ingenieur Simon Stevin (1548-1620)
bewies, dass mehrere Kräfte, die auf ein Objekt einwirken,
durch eine einzige Kraft ersetzt werden können. Er entwickelte
auch das Gesetz des Hebels sowie das der Erhaltung der Arbeit
und erklärte den freien Fall so, dass die Luft den Fall der
Objekte beeinflusse, ohne den alle Objekte gleich schnell fallen.
Dass der Druck an irgendeiner Stelle in einer Flüssigkeit
nicht von der Menge der Flüssigkeit, sondern von der Tiefe
unter der Flüssigkeitoberfläche abhängt bewies
er, indem er die Kraft maß, um eine am Boden der Flüssigkeit
liegende Platte hochzuheben.
Otto von Guericke (1602-1686) wies
nach, dass Gase existieren und einen Druck haben (Experiment auf
dem Marktplatz von Magdeburg). Die Zusammenpressbarkeit der Luft
erforschte Robert Boyle (1627-1691): bei einer Verdoppelung des
Druckes wird der Rauminhalt halbiert.
Noch einige Zeit war man drauf und dran, alles zu
wissen. Dies sollte sich bald ändern, doch musste bis zu
dieser neuen Erkenntnis noch einige Zeit verstreichen. So lesen
wir bei Francis Bacon (1561-1626) den bekannten Satz »Wissen
ist Macht«, mit dem er die Natur beherrschen will. Bevor
man aber wissen kann, muss man sich von allen Trugbildern (Idolen)
entledigen. »Diese Idole haben den menschlichen Verstand
in Besitz genommen und wurzeln tief in ihm.« Der menschliche
Verstand sei wie ein trübe gewordener Spiegel. Erst wenn
er gereinigt ist, wird man in ihm alles erblicken können.
Die einzig verlässliche Quelle für Wahrheit ist für
Bacon die Erfahrung (Beobachtung und Experiment). Von der Erfahrung
ausgehend kann der Mensch durch Induktion zur Erkenntnis der Gesetze,
die die Natur bestimmen, fortschreiten. Er ist somit Begründer
des Empirismus.
Im Frankreich des 17. Jahrhunderts hat die rationalistische
Philosophie René Descartes (1596-1650) die Absicht,
»alles von Grund auf umzustürzen und von den ersten
Fundamenten aufs Neue zu beginnen«. Mit dem methodische Zweifeln
begeht Descartes [12] diesen Weg
und kommt zum ersten Schluss, dass es »ein Widerspruch ist,
dass das, was denkt, indem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe.«
Daraus folgt: »Ich denke, also bin ich (Cogito, ergo sum).«
Somit setzt er als oberstes Prinzip das denkende Bewusstsein.
Er meint, das Ideen [13] über
Dinge im Menschen schon von der Geburt vorhanden sind (Idealismus).
Die Vernunft ist die einzige Quelle des Wissens. Zu den angeborenen
Ideen gehört auch die Idee eines Gottes. Da der Mensch ihn
denken kann, existiert er auch, und zwar so, wie man über
Ihn denkt: vollkommen und gut. Es gibt für Descartes zwei
Substanzen, Geist und Körper, die scharf voneinander
getrennt sind.
Sein kann nur, was ich denke, sagt der Rationalismus
Descartes'. Sein kann nur, was ich wahrnehme, sagt der Empirismus.
John Locke (1632-1704) legt die Grundzüge des empirischen
Wissens fest, dass später in den modernen Wissenschaften
große Bedeutung erlangte. Er ist der Ansicht, dass das
Bewusstsein am Anfang wie ein unbeschriebenes Blatt ist, was keinerlei
angeborene Ideen beinhaltet. Alles Wissen stammt nur aus der Erfahrung,
deren es zwei Arten gibt: die Sinnesempfindung (sensation)
und die Selbstbeobachtung (reflection). Ein Kernsatz des
Empirismus: »Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in
den Sinnen gewesen ist«. Aus diesen Wahrnehmungen entstehen
einfache Ideen wie Farbe, Töne, Gestalt, Bewegung, Erinnern
und Wollen, woraus komplexe Ideen entstehen. Die Erkenntnis setzt
erst auf Grund von Urteilen ein, die entweder der intuitiven Anschauung
oder dem demonstrativen Beweis entstammen. Ausgangspunkt aller
Erkenntnis ist zwar die Erfahrung, aber ihre Verarbeitung ist
aktive Arbeit des Verstandes. Locke ist sich Bewusst, dass die
menschliche Erkenntnis Grenzen hat, Fragen nach dem letzten
Grund von Sein nicht beantworten kann.
George Berkeley (1685-1753), Bischof von Cloyne,
geht wie Locke davon aus, dass nur die Wahrnehmung Quelle der
Erkenntnis ist, leugnet aber den materiellen (körperlichen)
Charakter der Dinge. Für ihn ist die Frage, was Wahrheit
ist, nicht beantwortbar, da wir von allen Dingen ja eigentlich
nur eine Vorstellung haben. David Hume (1711-76) beschränkt
das Denken des Menschen allein auf das Vermögen, das, was
der Mensch wahrnimmt, zu verbinden und zu erweitern. Die letzten
Gründe seiner Wahrnehmung kann der Mensch nicht erfahren.
Er weiß nur, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat.
Hieraus ergibt sich ein »gemäßigter Skeptizismus«.
Der Empirismus behauptet sich neben dem Rationalismus,
bis beide Richtungen durch Kant eine gewisse Vereinigung erfahren.
Im 19. und 20. Jahrhundert wird der Empirismus zur Grundlage für
bestimmte Entwicklungen der Philosophie und für die Naturwissenschaften.
Im 17. Jahrhundert gab es wieder eine
Fülle von neue Erkenntnisse in den Wissenschaften. 1675 wurde
die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes erstmals vom Astronom
Ole Römer (1644-1710) auf 307.200 km/s ziemlich genau bestimmt.
Das Brechen des Lichtes beim Übergang von einem Medium ins
andere wurde von Willebrordus Snellius (1591-1626), eigentlich
Snell van Royen, formuliert. Es setzte sich endlich die Erkenntnis
muslimischer Wissenschaftler durch, dass das Licht nicht vom Auge
ausgehe, sondern von draußen ins Auge eintrete, und die
alte Vorstellung von Euklid, Ptolemäus und den Pythagoreern
wird endlich aufgelassen. Die Wellentheorie des Lichtes wurde
von Christian Huygens (1629-1695) begründet.
Der berühmte Physiker Isaac Newton
(1643-1727) ist Begründer der theoretischen Mechanik. Die
experimentelle Erforschung der Gesetze des freien Falls
durch Galileo gehört zu den bedeutensten Tatenjener
Epoche. Sie brachte den eindeutigen Beweis dafür, dass die
Schwerkraft eine Zunahme der Geschwindigkeit bewirkt und nicht
lediglich zum Aufrechterhalten der Bewegung erforderlich ist.
Ebenso wurde klar, dass ein auf einen Körper einwirkende
Kraft zu einer Beschleunigung in Richtung der Kraft führt.
Es war nicht Galilei, sondern Newton erst vergönnt, eine
Theorie der Mechanik auf Axiomen aufzubauen. Zunächst
definiert er den Begriff der Masse eines Körpers. Danach
wird die sogenannte Bewegungsgröße Impuls festgelegt.
Schließlich erklärt Newton, was er unter Kraft versteht.
Darauf aufbauend formuliert er seine Gesetze (1687):
Newton ist zwar der Meinung, Masse
und Kraft eindeutig definiert zu haben, irrt sich aber, denn er
erklärt sie nur durch ihre Auswirkungen. Denn was Masse und
Kraft wirklich ist, weiss man bis heute nicht [14]!
Die Gleichungen Newtons wurden zum Kern der klassischen Mechanik
und zur Grundlage der modernen Technik. Der Beweis dieser
Naturgesetze auf indirektem Wege war eine gewaltige geistige
Leistung.
Newton nahm an, dass das Licht aus
kleinen Korpuskeln besteht. Um der heftigen Kritik der Befürworter
der Wellentheorie entkommen zu können gestand er, dass aus
den Korpuskeln auch Schwingungen ausgingen. Seine Vorstellungen
haben aber mit der Korpuskulartheorie der Quantenmechanik des
20. Jahrhunderts nichts zutun und waren falsch. Er bemerkte, dass
Farben Bestandteile des weißen Lichtes sind. Goethe konnte
es nicht fassen, dass das banale weiße Licht aus Farben
besteht und baute seine »Farbenlehre« auf, die aber
für die Physik bedeutungslos ist.
Baruch de Spinoza (1632-77) zeigt in seiner »Ethik«
dem Menschen, wie der Weg zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu beschreiten
ist. In diesem Werk gibt es die radikalste Beschreibungen von
individueller Freiheit des Menschen, die Spinoza sich trotz aller
Kritik erhalten konnte. Er vertritt die Toleranz in religiösen
Dingen, die Denk- und Redefreiheit und die Bibelkritik, was ihm
viele Feinde einbringt, aber gewissermaßen eine Grundlage
für die spätere Ideologie der westlichen Welt bildete.
Wir sehen in Spinoza wichtige Aspekte, die zu der heutigen politischen
Moderne und zur heutigen Denkweise geführt haben. Er
meint: »Unter gut werde ich das verstehen, wovon wir
gewiss sind, dass es uns nützlich ist.« Er ist
der Denker einer Freiheit, die der Mensch aus einem Recht
in der Natur und nicht aus einem geschriebenen Gesetz, aus seiner
eigenen Fähigkeit und nicht aus der Macht gewinnt. Spinoza
meint, es gebe nur eine gewisse Substanz: die Natur, welche
allumfassend und ewig wäre, und setzt sie gleich Gott.
Zehn Jahre vor Leibniz konnte im Jahre
1683 Takakazu Seki Kowa(1642-1708)
zum ersten Mal mit Determinanten Gleichungen lösen. Er fand
auch Bernoullis Zahl vor Jacob Bernoulli,
und löste Gleichungen für positive und negative Wurzeln
in reeler Domäne. Interessant ist, dass man fast zur selben
Zeit in Europa begann, den Schwerpunkt der Mathematik auf die
praktische Anwendbarkeit zu legen und sich auf solche Bereiche
wie die analytische Geometrie (erste Verwendung von Pierre de Fermat,
1601-65) zu konzentrieren. Isaac Newton und Gottfried Wilhelm
Leibniz fanden unabhängig voneinander und ungefähr zur
selben Zeit die Differenzialgleichungen, mit denen nahezu alle
physikalischen Gesetze beschrieben werden können und ohne
sie die moderne Naturwissenschaft undenkbar ist.
Es ist interessant, dass Entdeckungen
in Wissenschaft, Forschung und Technik unaufhaltsam sind, wenn
die Zeit dafür gekommen ist. Für den Vergleich der Einwirkung
der Moderne auf die Gesellschaften wäre es interessant, herauszufinden,
warum der Fortschritt in Japan erst nach 1867 Fuß fasste,
und warum das Osmanische Reich,
dass im 17. Jahrhundert ja noch eine Supermacht war und dessen
Heer vor den Toren Wiens stand, nicht von der Moderne profitieren
konnte und zu Grunde ging.
Der technische Fortschritt war im 16.
und 17. Jahrhundert im Vergleich zu der Naturwissenschaft gering.
Trotzdem wurden einige Entwicklungsansätze abgeschlossen.
In der Mechanisierung wurden Teilprozesse nicht mehr von Hand,
sondern durch Maschinen erledigt. Im 17. Jahrhundert wurden Rechenautomaten
hergestellt, wie der von Wilhelm Schickard (1592-1635). Blaise
Pascal (1623-62) seine Rechenmaschine wurde insgesamt ca. 50 Mal
hergestellt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts soll in Danzig eine
Bandmühle erfunden worden sein, die gleichzeitig mehrere
Bänder habe weben können. Den Erfinder sollen aber die
aufgebrachten Zunftmitglieder ertränkt haben. Zu Beginn des
17. Jahrhunderts wurde eine ähnliche Bandmühle in Holland
in Betrieb genommen. Man sieht, dass der Vormarsch der Technik
nicht mehr durch Zerstören der Erfindung oder Töten
des Erfinders zu stoppen ist, wenn die Zeit dazu reif wird.
Der Rationalismus versucht, widerspruchsfrei die
Fragen zu beantworten und das gesamte Sein als Homogenität
aufzufassen, was in der Folgezeit der Kritik ausgesetzt wird.
Davor versucht Gottfried Wilhelm Leibniz
(1646-1716), den Rationalismus und den Empirismus sich anzunähern,
bleibt aber eher ein Rationalist. Er unterscheidet zwischen Vernunftwahrheiten
(vérités de raison) und Tatsachenwahrheiten
(vérités de fait), wo letztere durch die
sinnliche Wahrnehmung erkannt werden. Quelle der Erkenntnis
ist die Seele des denkenden Menschen, die eine Kombination
des »klar fließenden« Verstandes und des »trübe
fließenden« Sinnes darstellt.
Für Leibniz ist die Mathematik nur die Methode
der Erkenntnis, der Mittler. Erkenntnis liegt aber nicht in ihr.
Er baut um den Mittelpunkt der Monaden [15]
seine Philosophie auf und kritisiert Descartes und Spinoza. Beide
waren nur von zwei oder gar einer Substanz ausgegangen.
Die Gedankenkonstruktion von Leibniz ist das letzte
System des Rationalismus, das die Frage »Wie erkenne ich
die Welt?« zu beantworten versucht und als letzten Grund
Gott einsetzt. Ab Leibniz wird nur noch auf die »Vernunft«
aufgebaut. Man merkt dabei nicht, dass anstelle von Gott, der
für fast alle späteren Philosophen nur noch als Idee
existiert, Begriffe und Ideale wie »höchste Prinzipien«
und andere Ideen getreten sind. Beispiele sind die Freiheit,
Gleichheit, Toleranz oder der sogenannte Endzweck der
Philosophie, die von allen Philosophen behandelt und von fasst
allen neuzeitlichen Philosophen hochgeschätzt wurden.
Es folgte nun die Philosophie der Aufklärung.
Sie ist die Philosophie einer neuen Praxis, die unmittelbar ins
Leben und die gesellschaftliche Entwicklung eingreift und 1789
mit der Französischen Revolution endet.
Jean-Jacques Rousseau (1712-78) war einer der ersten
Philosophen dieser Zeit, der darauf hinweist, dass er, so wie
andere Denker des 18. Jahrhunderts, das Vertrauen in die reine
Vernunft verloren hat. »Die Empfindung bedeutet mehr als
die Vernunft«, ist sein Ausspruch. Er kritisiert heftig die
Umstände seiner Zeit und meint: »Eine Handvoll Menschen
leben im Überfluss, während es der hungernden Menge
am Nötigen fehlt«. Mit dem Ausspruch »Zurück
zur Natur« will er zum Ursprung des Menschen zurückkehren,
zu einem Gutsein, zum nichtentstellten Menschen (»Emile«).
Um das ursprünglich gute Wesen des Menschen in der Gemeinschaft
zu bewahren entwirft er ein Modell, welches im Gesellschaftsvertrag
niedergeschrieben ist. Es basiert auf der Einheit des Volkes,
welches auf dem allgemeinen Willen basiert und souverän ist
(Demokratie). Die höchsten Prinzipien sind die Freiheit
und die Gleichheit.
Voltaire (1694-1778) vertraut auf eine natürliche
Vernunft, womit er klären will, was dem Menschen nützt,
ihm Autonomie gibt. Sie ist nicht mehr so kompliziert wie die
der Rationalisten. Die Vernunft müsse sich von »Vorurteilen«
befreien, um aktiv werden zu können. Damit meint er alles,
was unüberprüft aufgenommen wird, und die meisten dieser
Vorurteile findet er in der Religion. Dies, obwohl er Gott nicht
leugnet. Er fügt aber hinzu: »Wenn Gott nicht existierte,
müsste man ihn erfinden«. Dieser Gott steht außerhalb
der Welt, er ist »der große Gott im All«, der
nicht in die Welt eingreift (Deismus).
In der Aufklärung ist der Traum vom umfassenden
Wissen ausgeträumt, der im Grunde wieder einen neuen Glauben
nährte, dass das denkbare Sein auch das reelle sei.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das
Wissen der Newtonschen Mechanik zu den Hamiltonschen Gleichungen
der klassischen Mechanik weiterentwickelt [benannt nach William Rowan Hamilton
(1805-65)]. In der Mathematik wurden u. a. die Funktionen von
komplexen Veränderlichen, Differenzialgleichungen, die Mengenlehre
sowie die Gruppentheorie aufgebaut. Die nicht euklidische Geometrie
wurde im 20. Jahrhundert zu einem Hilfsmittel der modernen Physik.
Durch die neuen Kenntnisse entwickelte sich die Technik stürmisch.
In der Chemie widerlegt Antoine Laurent
Lavoisier (1743-94) die Theorie von der Verbrennung und findet
die richtige Vorstellung darüber, nämlich das sie durch
Oxidation stattfindet (ohne ein »Element« namens
Phlogiston, dass beim Brennen freigesetzt würde).
Eine erste Unterstützung für
die bis dahin hypothetische Atomtheorie gibt es bei Untersuchungen
der Stoffumwandlung. Durch die Synthese von Urin aus anorganischen
Substanzen zeigte Friedrich Wöhler (1800-82) im Jahre 1828,
dass im Widerspruch zu der bis dato herrschenden Hypothese organische
Substanzen ohne eine sogenannte »Lebenskraft«, die nur
Lebewesen zugeschrieben wurde, entstehen können. Dies war
die Geburtstunde der organischen Chemie. Wöhler gründete
mit Liebig die Radikaltheorie, gemäß der bei
der Umwandlung organischer Stoffe einzelne Atomgruppen - so wie
die Atome in anorganischen Stoffen - als unveränderliche
Einheiten agieren. Viele Strukturen von organischen Stoffen konnte
Friedrich August Kekulé von Stradonitz (1829-96) aufklären.
Er stellte die Hypothese der Wertigkeit der Elemente auf,
wo er dem Kohlenstoff die Wertigkeit 4 zuwies, und stellte eine
ganze Anzahl von organischen Verbindungen auf. Durch seine Forschungen
schritt die organische Chemie rasant
voran.
Man entwickelte auch zum ersten Mal
Medikamente, die nicht aus natürlichen Stoffen hergestellt
wurden. So kam um 1890 Aspirin als Schmerzmittel auf den Markt.
Die Grundlagen der Pharmaindustrie waren gelegt. Die Farbenindustrie
entwickelte sich schnell, nachdem man Farbstoffe künstlich
herstellte (Alizarin, Indigo- und Azofarbstoffe).
Die Spektralanalyse wurde zuerst
von Robert Wilhelm Bunsen (1811-99) und Gustav Robert Kirchhoff
(1824-87) durchgeführt, durch die sie 1861 Cäsium und
Rubidium entdeckten. Dimitrij I. Mendelejew (1834-1907) und Julius
Lothar Mayer (1830-95) fanden Gesetzmäßigkeiten zwischen
den Elementen. Mendelejew stellte das Periodensystem
der Elemente auf und sagte die Eigenschaften von Galium und Germanium
laut diesem System voraus. Er sollte recht bekommen! Den Grund
für die Gesetzmäßigkeiten erfuhr man erst im 20.
Jahrhundert durch die Quantenmechanik.
Der Satz der Erhaltung der Energie
(1. Satz der Thermodynamik) wurde von Julius Robert von
Mayer (1814-71) herausgefunden, gemäß dem Arbeit und
Wärme nur verschiedene Erscheinungsformen der gleichen Größe
sind. Der auf Erfahrung beruhende 2. Satz der Thermodynamik,
der von Nicolas Léonard Sadi Carnot (1793-1832) bestätigt
wurde besagt, dass die Entropie [16]
nur zunehmen und nur mit geringer Effizienz Wärme in Arbeit
umgewandelt werden kann.
Die Elektrizität wurde systematisch
erforscht. Benjamin Franklin (1706-90) war einer der großen
Wissenschaftler seiner Zeit. Er war der Meinung, es gäbe
ein positives und ein negatives elektrisches Fluidum. Er entwarf
u. a. den ersten Blitzableiter, wodurch er nicht nur Beifall geerntet
haben soll: manche waren der Ansicht, der Blitz sei die Strafe
des Himmels und sollte nicht vom Menschen abgelenkt werden! Zahlreiche
Forscher arbeiteten auf dem Gebiet der Elektrizität.
Zu guter Letzt veröffentlichte James Clerk Maxwell
(1831-79) 1856 die vollendete Theorie des Elektromagnetismus [17].
Als Folge dieser Überlegungen kam man darauf, dass elektromagnetische
Felder sich wie Licht ausbreiten. Daraus schloss Maxwell, dass
Licht eine elektromagnetische Welle ist, was Heinrich Hertz
(1857-94) 1886 bewies.
In der Astronomie wurde die Himmelsmechanik
vervollkommnet. Der Mathematiker, Physiker und Astronom Pierre Simon Laplace
vollendete die Mechanik des Sonnensystems, indem er bei der Berechnung
der Planetenbahnen zusätzliche Kräfte außer der
Sonne auch berücksichtigte. Er ist bekannt mit seiner Theorie
der Entstehung des Sonnensystems. Da alle Planeten in gleicher
Richtung sich um die Sonne bewegen, konnte dies kein Zufall sein;
Newton nahm an, ein Schöpfer sei am Werk gewesen. Laplace
soll demgegenüber nachdem er die erste kosmologische Theorie
Napoleon erklärt hatte, Napoleon mit dem berühmten Ausspruch
gesagt haben, er habe die Hypothese des Schöpfers in seiner
Theorie nicht benötigt. Er erklärte die Tatsache, dass
alle Planeten den gleichen Umlaufsinn haben damit, dass das Sonnensystem
ursprünglich eine nebelartige Masse war, die um ihre eigene
Achse rotierte und von der sich im Laufe der Zeit durch Zentrifugalkräfte
die einzelnen Planeten trennten. Wir wissen heute, dass die
Theorie in dieser Weise nicht richtig sein kann.
Einer der größten Mathematiker
aller Zeiten war sicherlich Carl Friedrich Gauss
(1777-1855), der die moderne Mathematik nach George Green
(1793-1841) in England nun in Deutschland einführte. Sein
Beitrag zur Mathematik ist groß. U. a. bewies er den Fundamentalsatz
der Algebra, der besagt, dass Gleichungen so viele Lösungen
haben, wie ihr Grad. Leonhard Euler (1707-83) trug zur Geometrie,
der Zahlentheorie und der Mechanik bei. Er fand z. B. eine der
wichtigsten Gleichungen in der Mathematik [18].
Außerdem fand er Lösungen für Probleme der astronomischen
Beobachtung. Leopold Kronecker
(1823-91) versuchte, alle mathematischen Aussagen auf Zahlen zurückzuführen.
»Die natürlichen Zahlen hat der liebe Gott gemacht,
alles andere ist Menschenwerk«, meinte er.
Vollkommen neue Gesichtspunkte brachte
der Mathematiker Felix Klein
(1840-1925) mit seinem Erlanger Programm: seine projektive
Geometrie ist eine euklidische, wo zwei Figuren nur dann die
gleiche Form haben, wenn ihre Winkel gleich sind.
Zu weiteren Abstraktionen führten
die Bemühungen von David Hilbert
(1862-1943) in der modernen Mathematik. Er war der Ansicht, dass
man Definitionen von grundlegenden Begriffen überhaupt nicht
treffen sollte, da dies mathematisch unmöglich ist. So werden
Axiome so formuliert, dass es offenbleibt, wofür sie gelten
[19].
Die deutsche Aufklärung hat keine
Revolution zur Folge, denn sie findet nur in den Köpfen statt.
Der Theorie von Gleichheit, Freiheit und Toleranz folgt
keine neuen Praxis. Für Gotthold Ephraim Lessing (1729-81)
ist zwar der »edelste Untersuchungsgegenstand der Mensch«
und Preußen das versklavteste Land Europas, aber durchschlagende
Wirkung in die gesellschaftliche Praxis hat die deutsche Aufklärung
nicht. Das liegt sicher auch daran, dass Deutschland wegen seiner
Vielzahl von Kleinstaaten einer politischen Zersplitterung unterlag,
was in Frankreich nicht der Fall war.
»Aufklärung ist der Ausgang
des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes
ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist
die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel
des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes
liegt«. Dies sind die Aussagen des Emanual Kant (1724-1804),
der die Philosophie wieder komplizierter machen wird. Sie hat
keinen Hinweis mehr auf Praxisbezogenheit, wie wir sie bei Rousseau
finden, und beschränkt sich wieder auf das reine Denken und
das Sein des Individuums, das denkt.
Kant versteht seine Philosophie ausdrücklich
als Kritik. Die zentrale Frage der Erkenntnis ist für Kant:
Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Denn nur
durch diese Urteile gibt es ein Mehr an Wissen, nur sie bereichern
unsere Erkenntnis. Nach Kant gäbe es diese Urteile in der
Mathematik (die Gerade ist die kürzeste Verbindung zweier
Punkte), in der Naturwissenschaft (die Quantität der Materie
in der Welt bleibt unverändert), aber auch in der Metaphysik
(die Welt muss einen Anfang gehabt haben). Notwendig, allgemein
gültig, da auch der Erfahrung zugänglich, sind für
Kant die beiden ersten Urteile, während dem der Metaphysik
eine mögliche Bestätigung durch Erfahrung (empirische
Erkenntnis) versagt ist und es sich so unserem Erkenntnisvermögen
entzieht. Alle auf empirische Erkenntnis aber verzichtenden
Urteile können nur einen Schein wahrnehmen, nicht
die Wahrheit selbst. Gott, Freiheit und das »Ding
an sich [20]« sind aber für
den Menschen nicht erfahrbar, nicht zu erkennen und nur bloße
Ideen. Im synthetischen Urteil verbinden
sich die Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes.
Für Kant sind z. B. Anschauungen
in Raum und Zeit sowie die Denkformen der Vernunft a priori, die
schließlich zur Synthesis führen. Der letzte Grund
für diese Einheit besteht darin, dass der Mensch ein Ich
hat. Nur dieses Ich kann die Wahrnehmung auf einen Gegenstand
beziehen. Diese Identität des Ichs ist der höchste Punkt
der kritischen Erkenntnisphilosophie Kants.
»Bisher nahm man an, alle unsere
Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten«,
schreibt er und fordert: »Die Gegenstände müssen
sich nach unserer Erkenntnis richten«. Anders ausgedrückt
würde das heißen, die menschliche Vernunft schaffe
sich ihre Gegenstände selbst, genauer aber besagt es, dass
sie »nicht nur mit Gegenständen, sondern mit unserer
Erkenntnisart von Gegenständen« zutun hat. Diese Kritik
bezeichnet Kant selbst als die Kopernikanische Wende in der
Philosophie. Nach Kant muss der Philosophie drei Grundfragen
stellen: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?
Durch die Praxis der unendlichen Vernunft entsteht die
Freiheit und die Autonomie des Menschen. Die Grundlagen der Ethik
sind selbst denken, der Vernunft folgen, die Anlage in sich selbst
zur Persönlichkeit durch sie entwickeln. Der autonome Wille
ist Selbstgesetzgebung der praktischen Vernunft. Was er hoffen
darf, bestimmt er durch sein eigenes Wollen, durch seine tätige
Vernunft. Handeln soll er so, dass die Maxime seines Willens jederzeit
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Die Philosophie Kants ist sicher eine
Wende und ein Fixpunkt in der Geschichte der Philosophie. Zum
Einen hat er den Dualismus zwischen Körper und Geist, zwischen
Empirismus und Rationalismus aufgehoben und so die Grenzen der
menschlichen Erkenntnis genau abgesteckt. Zum Anderen hat er die
Freiheit des Menschen neu bestimmt, die in der Praxis einer Vernunft
liegt, die zugleich in sich praktisch und kritisch ist.
Ein Artikel über die Moderne wäre
unvollständig, wenn er die Entwicklungen in der Biologie
nicht berücksichtigen würde, die in vielen anderen Bereichen
der Wissenschaft und in der Gesellschaft große Änderungen
zur Folge hatte. Die wichtigsten Entwicklungen hier waren die
Abstammungstheorien, die dann auch in anderen Wissenschaftzweigen
Anklang fanden.
Die erste Abstammungstheorie ist der
Lamarckismus,
der die Unveränderlichkeit der Arten bestreitet. Diese frühe
Deszendenztheorie, die von Lamarck selbst nicht auf den
Menschen ausgedehnt wurde, erlangt um 1800 große Bedeutung.
Lamarcks Anschauungen sind jedoch durch die spätere Forschung
nicht bestätigt worden. Die experimentelle Genetik erbrachte
z. B. bisher keine Beweise für die Vererbbarkeit funktioneller
oder psychischer Anpassungen (»erworbene Eigenschaften«).
Charles Robert Darwin (1809-82) ist
der Begründer einer Theorie, die dem Lamarckismus zur Seite
steht und sich gegen die Kataklysmentheorie von G. Cuvier
(1769-1832) stellt. Darwin gelangte zu der Überzeugung, dass
die Erdgeschichte stetig ablaufe [21].
So schuf er die Selektionstheorie, die er erstmals 1842
skizzierte und 1844 ausführlich darstellte. In der Biologie
wirkten seine Ideen umwälzend und regten eine Fülle
von einschlägigen Untersuchungen an. Die Evolutionstheorie
ist heute wie damals von Bedeutung in der Biologie.
Darwin schloss wie Lamarck den Menschen
in seine Betrachtungen nicht ein, was ihm von wissenschaftlichen
Kreisen bis heute nie ganz verziehen wurde. Erst durch das Wirken
anderer Wissenschaftler wurde der Mensch Teil des Darwinismus,
der von zwei Grundvoraussetzungen ausgeht:
Von den Arten überleben im Konkurenzkampf
(struggle of life) diejenigen am ehesten, die sich ihrer
Umwelt am besten anpassen (the fittest). Darunter ist das
statistisch positive Nachkommensverhältnis zu verstehen.
Die Selektion (Auslese) nimmt noch kleine Abänderungen im
Genotypus des Organismus an, die die Eignung der Lebewesen positiv
oder negativ beeinflussen. Im statistischen Durchschnitt sind
die geeignetsten Lebewesen, die jeweils die größte
Fortpflanzungsraten besitzen, im Vorteil. Durch die Wirkung der
natürlichen Auslese bleiben sie im Ringen um die Existenz
erhalten.
Darwin hat nachdrücklich auf die
Analogie der natürlichen Auslese zu der
vom menschlichen Züchter betriebenen künstlichen
Auslese als Modellmechanismus hingewiesen. Die natürliche
Auslese habe im Laufe der Erdgeschichte zu einem allmählichen
Wandel der Organismenarten geführt. Die Selektionstheorie
ist heute generalisierend induktiv und auch exakt induktiv (experimentell)
allgemein anerkannt. Sie steht zu keinem Ergebnis der Biologie
im Widerspruch. Insbesondere hat sie in der modernen Genetik
(Vererbungsforschung) eine klare und endgültige Grundlage
erhalten. In modernen zusammenfassenden Werken wird in neuerer
Zeit sowohl bei ein- als auch bei mehrzelligen Lebewesen einige
Phänomene durch diese Theorie erklärt [A2].
Die mehrfach bis in die jüngere Vergangenheit hinein (meist
aus außerwissenschaftlichen Gründen) geübte Opposition
ist so gut wie verstummt. Die Kausalität von Sonderproblemen,
z. B. die sogenannte sexuelle Zuchtwahl, hat sich zwar als komplizierter
herausgestellt, als Darwin zunächst annahm, doch war sie
schon von ihm grundsätzlich richtig erfasst. Das gilt auch
für die Frage nach der Abstammung des Menschen. Die allgemeine
Wirkung des Darwinismus war revolutionierend und griff weit über
die Bereiche der naturwissenschaflichen Biologie hinaus.
Im deutschsprachigen Raum geht die
Philosophie andere Wege als im romanisch-angelsächsischen,
der auch zur andersartigen politischen Entwicklung beitragen sollte.
So wird im Absolutismus nach dem Absoluten der Idee gesucht. Wichtige
Philosophen dieser Richtung sind Fichte, Schelling
und Hegel. Für Schelling ist die Kunst als Ausdrucksform
von Nichtartikulierbarem dem Philosophen das Höchste, weil
sie ihm das Allerheiligste gleichsam öffnet. In der Kunst
drückt sich Freiheit aus und die romantische Sehnsucht nach
der Einheit von Leben und Kunst. »Die Natur schafft als Künstler,
der Künstler als Natur.« Schelling gab der Romantik
ihre theoretische Grundlage.
Einen anderen philosophischen Stil
hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel
(1770-1831). Er ist ein bekannter idealistischer Philosoph, der
den Geist als Absolutes sieht. Für Hegel ist »Philosophie
.... ihre Zeit in Gedanken gefasst«; da sie das Wahre konkret
(in Gedanken) erfasse, sei sie auch die absolute Wissenschaft:
»Ihr Grundbegriff ist das wahrhaft Unendliche«. Da Hegel
glaubt, dies erkannt zu haben, kommt er zum Schluss, ihm sei die
Aufgabe zugefallen, die gesamte Philosophie zu einem Abschluss
zu bringen. Dieser sei dann der Endpunkt der Philosophie überhaupt.
Er meint: »Alles ist Werden«. Der innere Prozess des
Werdens ist die Dialektik. «Alles hat zwei Seiten»,
sagt dazu der gesunde Menschenverstand, vergisst dabei aber oft
die dritte, die wie die eines Dreiecks alles irgendwann auf einer
höheren Stufe vereint.
Parallel dazu entwickelte sich die
Technik im 18. und 19. Jahrhundert so schnell, dass wir hier nur
Entwicklungen in einigen Bereichen erwähnen können.
Grund für diesen rasanten Fortschritt war, dass man systematisch
wissenschaftliche Erkenntnisse in der Technik anwandte und umgekehrt
auf Grund von technischen Fragestellungen wissenschaftlich forschte.
Der Zeitabschnitt von 1750 bis 1850 ist als industrielle Revolution
in die Geschichte eingegangen. Und sie hat die Gesellschaft grundlegend
verändert.
Die nun kommende Philosophie ist realitätsbezogen
und wird durch die Probleme des 19. Jahrhunderts im Westen
bestimmt. Ausgehend von England bewirkt die Industrialisierung
auch in Frankreich und Deutschland eine neue Gesellschaftsordnung,
in der sich der Kapitalismus schnell entwickelt und von
da an die Wirklichkeit bestimmt, die wesentlich Arbeit und Elend
für viele, Eigentum und Reichtum für wenige bedeutet.
Dadurch entfremdet sich der Mensch seiner Arbeit, es formt sich
Widerstand, und die Philosophie dieser Zeit stellt den Menschen
in den Mittelpunkt.
»Die Philosophie soll das ganze
Wesen des Menschen in sich fassen«, sagt einer der ersten
entschiedensten Kritiker Hegels, Ludwig Feuerbach (1804-72). Er
war der Meinung, dass die gesamte idealistische Philosophie so
tue, als sei »unser Kopf ein außerweltliches Ding«,
womit die abstrakten Denker »das Wesen des Menschen außer
den Menschen« setzen, was ihn sich selbst entfremden muss.
Demgegenüber behauptet Feuerbach: »Der Mensch ist, was
er isst«, womit er meint, dass den Menschen das ausmacht,
was er von der Materie, der Natur, aufnimmt und durch seine Sinnlichkeit
zu Gedanken formt. »Aus der Passion, aus der Quelle aller
Lust und Not erzeugt sich der wahre objektive Gedanke«. Dies
ist der Weg der Erkenntnis, mit dem Feuerbach einen neuen Materialismus
begründet. Auf die Frage der Existenz Gottes meint Feuerbach:
»was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht,
das macht er zu seinem Gotte oder das ist sein Gott«. »Das
Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken«
ist der Grundsatz, welcher für Marx und Engels den Ausgangspunkt
für ihre Philosophie bildet.
Für Karl Marx (1818-1883) gilt:
»Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch.
Alle Mysterien (Geheimnisse, Rätsel) finden ihre rationelle
Lösung in der menschlichen Praxis und indem Begreifen dieser
Praxis«. Ausgangspunkt jeglicher Erkenntnis ist die menschliche
Tätigkeit, und das Begreifen dieser Tätigkeit
Philosophie. »Die Philosophen haben die Welt nur verschiedentlich
interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.«
Diese Einheit von philosophischer Praxis und politischer Tätigkeit
macht nicht nur einen Wesenszug dessen aus, was man nach Marx
den Marxismus
nennt, sondern ist wesentlich für das Leben von Karl Marx
und Friedrich Engels (1820-1895).
Ein weiterer Ausdruck ganz anderer
Art der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen des 19.
Jahrhunderts, die das Bürgertum zu Macht und Reichtum brachte,
ist eine philosophische Richtung, die sich in Frankreich und England
entwickelte und Positivismus heisst. Das Bürgertum fühlt
sich vom Volk bedroht, und es such eine Ideologie, die ihm sowohl
Sicherheit bringt als auch Ausdruck seiner Tätigkeit ist,
also positiv sein muss. Aus dem Positivismus
entsteht ein Kult der Erfahrung, des Fortschritts und des Glaubens
an die Wissenschaft, der nicht mehr nach der Notwendigkeit hinterfragt
wird.
Im 19. Jahrhundert breitet sich die
Krise des bürgerlichen Menschen aus, die sich auch in der
Philosophie bemerkbar macht. Ihre Wirkung ist bis weit in das
20. Jahrhundert spürbar. Die von Marx festgestellte Entfremdung
des Menschen weitet sich zur »Furcht vor dem Menschen«
(Schopenhauer) aus, so dass gar »der Weisheit Anfang«
in ihr vermutet wird. Diese Frage bewegt die moderne Literatur
(Charles Baudelaire), die sich der Probleme des Menschen annimmt.
Die Antworten auf die Entfremdung Schopenhauers,Kierkegaards
[22] und Nietzsches sind subjektive
Anschauungen. Sie haben sich im Unterschied zu Marx entweder
der Negativität und Sinnlosigkeit der Welt ergeben oder wollen
in der Übertretung von allem, was bis dahin gültig war,
eine eigene Welt schaffen, die jenseits aller bisherigen Erfahrungen
von Gut und Böse liegt.
Für Arthur Schopenhauer (1788-1860)
stellt sich die Frage, woher der große Misston kommt,
der die Welt durchdringt. »Unser Dasein hat keinen Grund,
keinen Boden, worauf es fußte, als die dahinschwebende Gegenwart.«
Er beschreibt die Entfremdung weiter: »In einer solchen Welt,
wo keine Stabilität irgendeiner Art, kein dauernder
Zustand möglich, sondern alles in rastlosem Wirbel und
Wechsel begriffen (ist), alles eilt, fliegt, sich auf dem Seile
durch stetes Schreiten und Bewegen aufrechterhält - lässt
Glückseligkeit sich nicht ein Mal denken.«
Nietzsche (1844-1900) ist als ein Zertrümmerer
jeder Gewissheit in die Philosophie eingegangen, der »mit
dem Hammer« philosophiert. »Götzen (mein Wort für
Ideale) umwerfen - das gehört zu meinem Handwerk«, sagt
er. Seine Philosophie ist ein Schrei des Protestes. Nietzsche
bezeichnet sein Denken
als die Philosophie der Zukunft. Seine Zeit sei eine des inneren
Zerfalls und einer Entwertung aller Werte. Der Mensch kann in
ihr nicht Selbst sein. Technik und Fortschritt haben ihm eine
neue Definition gegeben, die nicht vom Menschen gesetzt ist, sondern
von außen, von den Sachzwängen einer neuen Gesellschaft.
Der Mensch hat sich so von sich selbst entfremdet. Alle »Wahrheiten
sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche
sind«. Alle Normen und Werte sind durch den Nihilismus
zu überwinden, indem man die Fesseln der Vernunft abstreift
und zu einem neuen Menschen, dem Übermenschen, wird, der
aus einer Freiheit seiner Ungebundenheit die neue Tafel der Werte,
die »Jenseits von Gut und Böse« liegen, schafft.
»Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch,
der nicht überflüssig ist«, meint er.
Die Eigendynamik der Moderne (der modernen
Wissenschaften) wuchs über die Jahrhunderte, so dass sie
begann, auf nicht naturwissenschaftliche Bereiche entscheidenden
Einfluss auszuüben. Als Beispiel wollen wir die Entwicklung
in der modernen Physik und deren Wirkung auf die Gesellschaft
näher beobachten. Auch wollen wir einige Fortschritte in
Wissenschaft, Forschung und Technik im 20. Jahrhundert skizzieren,
da es nicht annähernd möglich ist, den horrenden Fortschritt
ausgewogen hier darzustellen.
Die Physik galt am Ende des 19. Jahrhunderts
als abgeschlossen. Es gab lediglich einige Lücken, die aufzufüllen
waren, glaubte man. Bis zu diesem Zeitpunkt sah man immer noch
elektrische und magnetische Felder als Verformung und Verspannung
eines überall vorhandenen Fluidums namens »Äther«.
Wichtige Erkenntnisse am Ende des 19.
Jahrhunderts brachte das Weltbild der Physik ins Wanken. Einige
waren die Entdeckung der Radioaktivität, das Auffinden
der quantenhafen Ausstrahlung der Energie und der 1886 durchgeführte
Versuch von Albert Abraham Michelson (1852-1931) und Edward Williams
Morley (1838-1923), woraus zur allgemeinen Überraschung folgte,
dass die Geschwindigkeit der Erde relativ zu dem allumfassenden
Äther im Weltall genau null ist. (Dieser und andere Versuche,
die Geschwindigkeit der Erde im Äther zu messen, waren erfolglos.
Bis Albert Einstein hielt man jedoch verkrampft an der Idee eines
Äthers fest.) Aus diesen Ergebnissen kamen Hendrik Antoon Lorentz
(1853-1928) und George Francis Fitzgerald (1858-1901) zu dem Ergebnis,
dass bewegte Gegenstände sich in Bewegungsrichtung verkürzen
(Lorentzkontraktion). Diese neuen Erkenntnisse wurden zum Anstoß
für die sogenannte Relativitätstheorie. Ein Anstoß
zum Nachdenken war auch, dass in den Maxwellgleichungen für
die magnetische Auswirkung eines veränderlichen Stromfeldes
Ampères Stromgesetz, für die elektrisch Auswirkung
eines veränderlichen magnetischen Feldes aber Faradays Induktionsgesetz
anzuwenden war, obwohl man bei der relativen Bewegung der Spule
zum Magnetfeld oder des Magnetfeldes zur Spule doch ein einziges
Gesetz erwarten würde.
Eine Weiterentwicklung dieser Gedanken
gelang Albert Einstein (1879-1955). Er erkannte, dass durch das
Michelson-Morley-Experiment bewiesen wurde, dass es unmöglich
ist, die absolute Geschwindigkeit eines Körpers im Weltraum
festzustellen. Aufbauend auf die Mathematik von Henri Poincaré
zeigte er 1905, dass daraus zwingend eine Reihe von revolutionierenden
und zunächst unglaublich erscheinenden Aussagen folgt, nämlich
dass es z. B. keine absolute Gleichzeitigkeit gibt. Die Masse
eines nahezu mit Lichtgeschwindigkeit bewegten Körpers hängt
von der relativen Geschwindigkeit des Beobachters zu der Masse
ab. Masse und Energie sind gleichwertig und können ineinander
umgewandelt werden. Die Aussagen der Relativitätstheorie
wurden zum Großteil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
experimentell bestätigt.
Max Planck (1858-1947) stellte die
Hypothese auf, dass die Energie von Wellen nicht in beliebig kleinen
Portionen abgegeben werden kann, sondern die kleinstmögliche
Menge an Energie proportional dem »Plankschen Wirkungsquantum«
ist. Einstein zog daraus 1905 den richtigen Schluss, dass ein
Lichtstrahl - energetisch betrachtet - aus winzigen Kügelchen
bestehen müsste, die jeweils diese Energie haben. Andererseits
war auch die Wellennatur des Lichtes unbestritten. Dies führte
zu einer Doppeldeutigkeit: das Licht verhält sich
bei Experimenten mit Energieaustausch wie Korpuskeln, bei
Beugungsexperimenten als Welle. Ähnliches gilt auch für
die Materie, wie sich bald herausstellte. Gemäß Niels
Bohrs (1885-1962) Atommodell kreisten die Elektronen um den Atomkern,
ohne elektromagnetische Wellen auszustrahlen. Louis-Victor Duc de Broglie
(1892-1987) kam 1924 zu der Erkenntnis, dass jedem Elektron auch
eine Welle zuzuordnen sei. Dies wurde von Davisson und Germer
1927 experimentell bestätigt.
Man hatte nun ein gewisses Problem:
Sowohl das Licht als auch die Materie verhielten sich wie eine
Welle, jedoch auch wie Teilchen. Wie war das zu erklären?
Eine geschlossene Theorie kam von Werner Heisenberg (1901-76),
Max Born (1882-1970) und Pascual Jordan (1902-80), die man heute
Quantenmechanik nennt. Hier wurde hauptsächlich mit Matrizen
gerechnet, wogegen Schrödinger (1887-1961) in seiner Wellenmechanik
jedes Teilchen durch ein Wellenpaket darstellte. Mit diesen
Vorstellungen war der atomare Bereich zu erklären. Die Kausalität
wurde aber abgeschwächt, indem nicht mehr eine Ursache immer
eine ganz bestimmte Wirkung hatte. Durch die Unbestimmtheitsrelation
wird klar, dass das Wissen entweder über den Ort oder die
Geschwindigkeit beliebig genau sein kann, aber nicht beides zugleich.
Damit wurde die Voraussage der Wirkung einer Ursache im mikroskopischen
Bereich beeinträchtigt. Die Ungenauigkeit im makroskopischen
Bereich ist aber verschwindend klein und darum praktisch unbedeutend.
Die Tatsache, dass die Kausalität
nicht mehr gilt, hat eine sehr große Breitenwirkung erzielt
und auch Philosophen, Biologen und Theologen veranlasst, eine
Reihe von Spekulationen anzustellen. Diese gingen so weit, hieraus
eine Möglichkeit für die
Freiheit des menschlichen Willens abzuleiten. Einstein hat
dieser Spekulation sein ganzes Leben lang tatkräftig widersprochen.
Es wurden außerdem sogenannte
Elementarteilchen festgestellt, aus denen die Materie besteht
und die sonst im Kosmos vorkommen. Die Radioaktivität zeigte,
dass die lang herrschende Vorstellung, Atome wären die beständigen
Teilchen des Weltalls, nicht stimmt. Dies wurde durch die Kernreaktion
weiter durch Lord Rutherford
bestätigt. Schließlich entdeckte man, dass auch diese
mittlerweile zu hunderten angewachsene Schar von Elementarteilchen
aus sogenannten »Quarks [23]«
aufgebaut sind.
1875 untersuchte man Halbleiter,
als Karl Ferdinand Braun (1850-1918) feststellte, dass Bauelemente
aus Metallsulfide oder Metalloxide elektrischen Strom nur in eine
Richtung durch lassen. Man verwendete sie als Diode zur
Gleichrichtung ein halbes Jahrhundert später, da man das
Phänomen erst dann verstand. 1948 erfanden John Bardeen,
Walter Hauser Brattain sowie William Schokley den Transistor,
der zur Verstärkung von elektrischen Strömen an Stelle
der Triode verwendet wurde. Zehn Jahr später gelang es das
erste Mal, mehrere Bauteile auf einer Chip zu platzieren:
Die integrierte Schaltung war geboren. Diese
Entwicklung führte zur Miniaturisierung von elektronischen
Bauteilen und einer stürmischen Entwicklung, aus der sich
die Elektronik als neuer Teilbereich entwickelte. Zu dieser Entwicklung
trug auch maßgeblich die Raumfahrt
bei, wodurch der Mensch einen uralten Traum, nämlich den
Flug in den Weltraum, verwirklichen konnte. Nur so war eine Verbreitung
von Transistorradios, elektronischen Uhren, Rechner
aller Art, künstliche Intelligenz (KI),
Internet und die neue multimediale Welt
möglich.
Der Laser, ein sehr energiereiches
Licht einer bestimmten Frequenz mit synchronisierten Wellenbergen
und -tälern wird heute in verschiedenen Bereichen wie der
Medizin, dem Militär, zur Herstellung von Hologrammen, in
CD-Laufwerken für Computer und Musik u. v. a. m. verwendet.
Die Quantenchemie nutzte die
Erkenntnisse der Quantentheorie und erkannte die Elektronenanordnung
in den Atomen und Molekülen. Sie brachte eine Annäherung
zwischen Chemie und Physik im atomaren Bereich. Durch die Nanotechnologie
hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine ähnliche
Verschmelzung von Biologie, Chemie und Physik stattgefunden.
Der in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts entstandene Positivismus, die Entwicklung von
Wissenschaft, Technik und Industrie, gepaart mit einem unbedingten
Fortschrittsglauben hat im 20. Jahrhundert sein Resultat gefunden:
die moderne Welt. Ist diese Welt zum Nutzen oder zum Schaden
des einzelnen Menschen? Diese entscheidende Frage ist sicher heute
noch nicht endgültig beantwortet. Der Mensch muss sich also
in allen Gesellschaftsordnungen immer wieder die gleiche Frage
stellen: Wo ist mein Platz in dieser Welt? Bringt der Fortschritt
mir Glück und Selbstverwirklichung oder wendet er sich endgültig
gegen mich?
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird
die Moderne immer mehr in Frage gestellt, ihr Wert verstärkt
in Zweifel gezogen. Bewirkt haben dies die Erfahrungen zweier
großer und zahlreicher kleiner Vernichtungskriege, die im
Namen der Moderne geführt wurden. Hinzu kommt die Erkenntnis,
dass diese Welt die Mittel zu ihrer eigenen Vernichtung geschaffen
hat, sei es durch den atomaren Krieg, sei es durch die Zerstörung
des natürliche Lebensraumes. Der Mensch begeht also einen
doppelten Selbstmord, ohne den verantwortlichen Menschen zu sehen
- es ist nicht ein Mal ein Freitod. In ihrer »Dialektik der
Aufklärung« stellten die beiden Philosophen Adorno und
Horkheimer fest, dass aus den Ideen und der Vernunft der
Aufklärung, die ja den Menschen in den Stand setzen wollte,
seine Welt und die Natur selbst zu gestalten und zu bestimmen,
inzwischen Instrumente der Machtausübung und der Vernichtung
geworden sind.
Die Philosophie des 20. Jahrhunderts
hat versucht, auf viele Fragen Antworten zu geben: auf die Fragen
nach der Wahrheit und der inneren Logik der Welt, nach
der Struktur der Sprache, nach der Existenz des Menschen, nach
den Möglichkeiten von Hoffnung, auf die Fragen danach, ob,
und wenn ja, wie Freiheit in einer perfekt durchorganisierten
Welt noch möglich ist. Durch verschiedene Antworten wird
es klar, dass die Philosophie unsicherer denn je der Welt gegenübersteht,
nicht in der Lage ist, Spiegel der Zeit zu sein, ihre Zeit in
Gedanken zu fassen, dem Menschen auf zu antworten. Darum auch
die Frage: wozu noch Philosophie? »Wer hat Angst vor der
Philosophie?« ist die Gegenfrage, die manche Philosophen
stellen.
Durch Edmund Husserl (1859-1938) und
Max Scheler (1874-1928) wird nach dem Motto »zurück
zu den Sachen« eine Philosophie entwickelt, die als Phänomenologie
bekannt ist. Husserl will die Philosophie zu einer richtigen Wissenschaft
machen. Sie will unangreifbare Wahrheiten feststellen. Als Lehre
des Wesens der Erscheinungen (der Phänomene) versteht sie
sich als Grundwissenschaft, will sie die erste Verwirklichung
von Philosophie als strenge Wissenschaft
sein.
Max Scheler verbindet mit dem konkreten
Erleben der Welt die Phänomenologie. Für ihn ist sie
»der Name für eine Einstellung des geistigen
Schauens, in dem man etwas zu er-schauen oder zu er-leben
bekommt, was ohne sie verborgen bleibt: nämlich ein Reich
von Tatsachen eigentümlicher Art. .... Das erste, was eine
auf Phänomenologie gegründete Philosophie als Grundcharakter
besitzen muss, ist der lebendigste, intensivste und unmittelbarste
Erlebnisverkehr mit der Welt selbst.« An Stelle der Intuition
tritt das Fühlen als Quelle von Erkenntnis.
Menschen sind soziale Wesen und durch
Entwicklungen der Gesellschaft beeinflussbar. Auch Wissenschaftler
sind Menschen und können sich diesem Einfluss nicht ganz
entziehen. Dazu kommt noch der Einfluss einer Ideologie oder von
einem zur Gewissheit gewordenen Glaube, der ihre Arbeit beeinflussen
kann. Es können hierzu zahlreiche Beispiele
aufgezählt werden.
Moritz Schlick (1882-1936), der Begründer
des »Wiener Kreises«, von dem in den 1920er Jahren eine
neue »wissenschaftliche« Philosophie ausgehen sollte,
meint in seinem Aufsatz, dass sich die Philosophie in ihrer Geschichte
nur mit Scheinproblemen herumgeschlagen habe. Er glaubt aber auch,
die Wende in der Philosophie sei erreicht, weil er sie im Besitz
der Mittel wissenschaftlicher Erkenntnis wähnt, die von der
Logik und der Physik herrühren. Die neue Philosophie spaltet
die Philosophie in eine »wissenschaftliche« und eine
»metaphysische«. Hans Reichenbach bezeichnet letztere
als »Gegenstand der Verachtung, vor welcher der Wissenschaftler
sich fern halten möchte«.
Die Wende in der Philosophie
geht auf die Ergebnisse des Positivismus zurück, gründet
sich auf der wissenschaftlichen Erkenntnis der Physik, die die
Natur »vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben«
vorhabe (Kirchhoff).
Ob Resultate der Wissenschaft auch
philosophische Implikationen haben können, ist bis heute
Grund für kontroversen Diskussionen zwischen Wissenschaftlern
und manchen Philosophen. Die Frage kann aber von keiner Seite
eindeutig beantwortet werden, da es sich hier um Einstellungen
gegenüber der Naturwissenschaft und nicht um logische Beweise
handelt, die solche Implikationen ausschließen könnten
[A3].
Der Fortschritt in Naturwissenschaft
und Technik hängt wesentlich davon ab, wie stark ihn die
menschliche Gesellschaft fördert und welche geistige Haltung
sie ihm gegenüber einnimmt. So führt eine negative Einstellung
zu der Forschung oder einem Bereich der Technik dazu, dass in
diese Richtung nicht mehr investiert wird und keine neuen Erkenntnisse
gewonnen werden können. Umgekehrt wirkt jede neue wissenschaftliche
Erkenntnis und jede neue Erfindung auf die menschliche Gesellschaft
und auf die Politik ein. Es ändern sich Strategien, Gesetze
müssen auferlegt werden, um den Missbrauch zu verhindern
und andere Probleme zu lösen. Heute tritt im Westen die Frage
nach der Verantwortung in Naturwissenschaft und Technik immer
mehr in den Vordergrund.
Diskussionen über Sinn und Grenzen
der Technik haben schon immer stattgefunden. Es ist auch hier
interessant und notwendig, die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft,
Technik und der Gesellschaft genauer zu studieren - eine mit Spannungen beladene Beziehung.
Die Stellung der Naturwissenschaften
und Technik im Bürgertum war nicht so hoch, und bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts standen dort die humanistische Bildung und
die schönen Künste im Vordergrund. Erst danach gewannen
Naturwissenschaften und Technik immer mehr an Raum. Auch heute
noch verzeiht man leichter eine Unkenntnis grundlegender naturwissenschaftlicher
Fakten als etwa in Fragen der Erdkunde, Geschichte oder Soziologie.
Der Ursprung aller technischen Erfindungen
ist der Wunsch, durch Nutzung der Naturgesetze sich Mühe
und Arbeit zu ersparen. Waffen erleichterten das Erlegen der Beute
und den Sieg, mit der Kommunikation (Trommeln, Rauch, moderne
Kommunikationstechniken) konnte man Informationen schneller verbreiten
und brauchte nicht mehr Boten zu schicken. Mit fortschreitender
Technik steigt aber gleichzeitig die Gefahr, dass sich die Beziehung
umkehrt: Der Mensch fängt an, der Maschine zu dienen. Arbeitsfreude
und Anteil am Schaffensprozess gehen mit monotoner Arbeit verloren.
Es bedarf dann neuer Impulse und einer neuen Geisteshaltung,
um diesen Nachteil der Technik zu überwinden.
Die Technik beeinflusst nicht nur die
Art, wie Menschen ihre tägliche Arbeit verrichten, sondern
das gesamte Leben. Billigere Energie bedeutet höherer Wohlstand,
Bequemlichkeit, weitere Reisen. Diese Entwicklung wird von einigen
als Wohltat, von anderen als Nachteil, wenn nicht sogar als ernste
Bedrohung angesehen.
Ein aktuelles Beispiel für Kritik
bei der Einführung einer Technologie sind die Diskussionen
über den Bau von Atomkraftwerken. Auch hier werden manche
richtige Argumente angeführt, welche die Risiken betreffen,
teilweise jedoch auch irrational sind. Eine Ablehnung wird mit
möglichen Gefahren begründet, daneben aber auch damit,
dass ein Leben in Energieüberfluss nicht mehr erstrebenswert
sei.
Technischer Fortschritt ist einerseits
mit Vorteilen, andererseits mit Risiken verbunden. Beides muss
sorgfältig abgewogen werden, bevor man neue Technologien
einführt.
Nicht nur wegen erhöhter Risiken
und irrationaler Angst wird Technik abgelehnt. Auch die sozialen
Folgen neuer Technologien sind bisweilen beträchtlich. Als
Maschinen zum Spinnen und Weben eingeführt wurden, nahm die
Arbeitslosigkeit zu, und ganze Bevölkerungsschichten gerieten
ins Elend. Dass dies eine Feindschaft gegen die Technik bewirkte,
ist verständlich. Heute steht man vor dem Problem, dass als
Folge der Automatisierung von Produktionsprozessen Arbeitskräfte
frei werden. Manche nehmen dies zum Anlass, sich gegen die Rationalisierung
zu wenden. Man muss aber bedenken, dass unser Fortschritt
und Lebensstandard auf solchen Rationalisierungsmaßnahmen
beruht. Nach längerer Zeit gibt es für die freigestellten
Arbeitskräfte zum Teil andere Beschäftigungsmöglichkeiten.
Selbstverständlich muss für die soziale und auch menschliche
Versorgung der zunächst Betroffenen allgemein eingetreten
werden.
Das Zeitalter der Moderne entstand
im Westen durch mehrere Faktoren:
Es gab in diesem Zeitalter, dass bis
heute weiter besteht, folgende Entwicklungen:
Hinweis:
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schriftliche Erlaubnis ist nicht erforderlich. Die Verwendung
von Auszügen zu Ausbildungszwecken oder für wissenschaftliche
Arbeiten wird empfohlen. Für jeden Hinweis bzgl. Fehler im
Gästebuch / per email bin ich Ihnen dankbar.

Beginn der Neuzeit




Die Erkenntnis hat Grenzen














Doppeldeutigkeiten und Kausalität







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Einfluss auf den Menschen
Einfluss auf die Philosophie
Einfluss auf die Gesellschaft
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