Mensch und Moderne

Dieser Artikel untersucht die Wechselwirkung zwischen dem Menschen und der Moderne, die aus den sogenannten westlichen Ländern Industrieländer machte. Mit »Moderne« wollen wir hier lediglich Modernität verstanden wissen. Es werden also modische Trends in der Kleidung und dergleichen nicht berücksichtigt, da sie nur heutig oder vorübergehend sind und den Menschen nicht so stark verändern. Die gewählte Perspektive ist eine mehrheitlich westliche, um das Phänomen aus einem fixen Standpunkt besser verstehen zu können. Da es aber keineswegs nur ein westliches Phänomen ist, würde ein Wechsel der Perspektive neue Einblicke ermöglichen. Einige Vergleiche mit anderen Zivilisationen und deren Umgang mit der Moderne werden angedeutet.

Der Mensch der Gegenwart sieht sich immer mehr von einem Phänomen eingeholt, welches eine Eigendynamik entwickelt hat und wogegen er scheinbar wenig unternehmen kann: es ist das Zeitalter der Moderne [1], wie man so gerne sagt. Wir werden in diesem Artikel versuchen, den Werdegang der Moderne zu skizzieren und sehen, wie es zu diesem neuen Phänomen kam. Es wird analysiert, was zu diesem Zeitalter führte, ob die Moderne durch den Wissenserwerb der Menschheit, als eine Folge der Technisierung, oder durch eine Idee von Philosophen Verbreitung fand, und woher die Eigendynamik kommt.

Die Moderne ist ein Zeitalter, dessen Anfang man an den Beginn des 15. Jahrhunderts setzten kann. Sie unterscheidet sich von den herkömmlichen Zeiten durch einen rasanten Fortschritt, der rapiden Zunahme des Wissens, einer systematischen Anwendung des erworbenen Wissens in der Technik [2] sowie Forschung in Bereichen, die durch die Technik erschlossen oder interessant geworden sind. Die Folgen waren auch in der Politik und Kultur erheblich. Das Problem der Freiheit des Menschen wurde zu einer wichtigen Frage. Wie und warum es zu dieser Entwicklung kam kann besser beantworten werden, indem man den Zeitraum vom 7. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart vorbeiziehen lässt. Denn einige Philosophen des Altertums haben die Moderne mit ihren Gedanken erheblich beeinflusst. Die Behauptung des Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead, die europäische Philosophie könne am sichersten als eine Sammlung von Fußnoten zu Plato gesehen werden, ist etwas übertrieben, beinhaltet aber viel Wahres in sich.

Alfred North Whitehead

Alfred North Whitehead [L10]

Es stellt sich nun die Frage, was denn der Unterschied zwischen der Philosophie der Griechen und der späteren Philosophie ist. Die Antwort bekommt man, wenn man die Aussagen der Philosophen und deren Einstellung zu dieser Wissenschaft vergleicht. Man bemerkt dabei, dass die Philosophie des Altertums sich von der mittelalterlichen Philosophie unterschied, indem sie den Anspruch hatte, die führende Wissenschaft [3] zu sein. Dies durfte sie im Mittelalter nicht, da das Ressort für Antworten auf wichtige Fragen wie der Sinn des Ganzen oder das Sein an sich ausschließlich die Religion war. Was ist der Unterschied zwischen der altgriechischen und der modernen Philosophie? Es ist der Einfluss der Naturwissenschaften und der Technik, den wir in diesem Artikel genau verfolgen werden.

Die Moderne hat ihren Anfang im 15. Jahrhundert. Trotzdem ist es um die Zusammenhänge zu verstehen wichtig, zu wissen, was zu ihr geführt hat. Der Einfluss des Altertums, insbesondere von Plato und Aristoteles, war groß: durch ihn und dem Umstand, dass die Kirche Aristoteles akzeptierte und über Jahrhunderte an den Hebeln der Macht war, wurde der Einfluss naturwissenschaftlichen Denkens im Abendland verzögert und der Fortschritt gehemmt. Im Morgenland war der Einfluss dieser Philosophien wieder ein anderer, der aber nicht das Thema dieses Artikels ist.

Beginn der Neuzeit

Zu Beginn der Neuzeit war die Philosophie gerade im Begriff, sich vom religiösen Denken zu emanzipieren. Bis dato stand sie im Mittelalter neben dem Leben, indem sie die letzten Fragen nicht stellen durfte, weil die Mauer des Glaubens unantastbar war. Der Glaube aber beinhaltete weiterhin Widersprüche - trotz Thomas von Aquin. Somit wurde er nicht mehr als Grenze akzeptiert, denn das Vertrauen in ihre Lehren war erschüttert. Die Renaissance, die erste Epoche der Neuzeit, »durchbricht die Fesseln des Glaubens und akzeptiert nicht mehr so ohne weiteres einen Gott, der über allem steht. Sie kennt nur einen allen Dingen innewohnenden Gott« [L1]. Der Pantheismus (Gott ist in allem) verbreitet sich durch das neue Gedankengut, das sich auf die Antike bezieht. Warum griff man auf Gedanken aus längst vergangene Zeiten zurückgriff, um sich ohne die Unterstützung der Kirche aufzurichten, soll folgende These erklären:

  1. Die Ideen des Altertums wurden von Philosophen geformt, die sich nicht auf den damaligen Glauben stützten. Somit waren sie gewissermaßen zeitunabhängig.
  2. Durch diese Ideen wurde in der Antike ein erstaunlich großer Fortschritt erreicht, was Bewunderung hervorrief.
  3. Die Entwicklung von Städten brachte eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft, die zur beschleunigten Entwicklung führte und das Denken nicht mehr dem Glauben unterordnen ließ [8].
  4. Durch den verbesserten Verkehr kam man mit verschiedenen Wahrheiten in Kontakt, die zur Relativierung des Glaubens und zur Synthese von herkömmlichen mit fremden Ideen und Kulturen führte. Dies hatte auch einen desorientierende Wirkung, wie es in multikulturellen Gesellschaften üblich ist.
  5. Der Mensch als wirklichkeitsbezogenes Wesen wurde durch neue Erkenntnisse der Wissenschaft beeinflusst, die nicht mehr Ansichten der Kirche unterstützten. Somit trat als Quelle der Wahrheit anstelle der Richtigkeit (der rechtlichen Wahrheit, an die man glauben muss) die Wirklichkeit (die realitätsbezogene Wahrheit, die für jedermann ersichtlich ist). Die »Richtigkeit« erwies sich nicht nur als nicht so realitätsbezogen, sie konnte sogar im Glaube Probleme mit der Vernunft nicht lösen. Durch den Einfluss der Wissenschaften wurde die dogmatische Denkweise immer mehr zurück gedrängt und es kam immer mehr zum Relativismus, der sich auch auf ganz andere Gebiete ausbreiten sollte.

Im 16. und 17. Jahrhundert vertraute man nicht länger den Lehren der Kirche, sondern versuchte, durch selbständiges Denken Antworten auf Fragen zu finden, die den menschlichen Geist bedrängten. Man könnte den Anfang der Renaissance auf 1453 legen, wo die Türken Byzanz eroberten, was zur Folge hatte, dass die Schätze der dortigen Bibliotheken sich über ganz Europa verbreiteten [L1].

Es folgen nun Persönlichkeiten, die die Moderne erheblich beeinflussten und wegweisend waren. Einer von ihnen ist sicherlich das Universalgenie Leonardo da Vinci (1452-1519), das sich in zahlreichen Bereichen der Wissenschaft, Kunst und Technologie betätigte.

Leonardo da VinciNikolaus Kopernikus

Leonardo da Vinci und Nikolaus Kopernikus [L10]

Seine wichtigsten Erkenntnisse waren, dass er sich

  1. von der reinen Spekulation und Deduktion [9] von Aussagen abwandte und auf die Wichtigkeit der Beobachtung hinwies.
  2. Aristoteles den Rücken kehrte, weil er erkannte, dass die logische Beweisführung allein nicht zur Vermehrung des Wissens beiträgt. Bestätigende, deterministische Experimente sind notwendig.

Durch die Erforschung des Universums bekommt die Moderne Rückenwind. Den großen Anfang macht Nikolaus Kopernikus (1473-1543). Gemäß seinen Entdeckungen steht mit ein Mal die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Kosmos: das heliozentrisches Weltbild stellt sich als falsch heraus. Dies wird in der Wissenschaft als Kopernikanische Wende bezeichnet. Kopernikus' Aussage, die Sonne stehe im Zentrum der Bewegungen, wurde nicht als Hypothese aufgestellt, sondern baute auf genaue Beobachtungen und deren Interpretationen. Er schrieb, dass »jede Veränderung der Position, die beobachtet wird, entweder der Bewegung des beobachteten Objekts oder des Beobachters oder der Bewegung beider zuzuschreiben ist« [L1]. Dies war der erste Anfang eines Relativismus in der Wissenschaftsgeschichte, die bis heute anhält und sogar die Philosophie, die »Mutter der Wissenschaften«, beeinflusst hat. Er zeigte, dass durch einen verbesserten Ansatz die Naturphänomene vereinfacht zu erklären sind, was anderen Erklärungen vorzuziehen ist.

Der erste Philosoph in dieser neuen Zeit, der Neuzeit, der jenseits des »Kirchenskeptizismus« Ideen öffentlich verbreitete, war Giordano Bruno (1548-1600). Ursprünglich Mitglied des Dominikanerordens muss er schon frühzeitig vor der Inquisition fliehen. Als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nimmt Bruno den Anblick der Unendlichkeit, der sich dem Betrachter bietet, wenn er zum Himmel schaut. Die Bewegung dieses ganzen Systems ist in allen Teilen des Ganzen, wird also nicht von außen - etwa von Gott - gesteuert. Die Welt, das Universum, ist ihr eigenes Subjekt. Gott ist lediglich allen Dingen immanent (innewohnend), als Natur der Natur, nicht aber als transzendentes (übernatürliches) Wesen. Bruno wurde durch seine Ideen bekannt, lebt im Schutz von Fürsten, wird schließlich nach Venedig gelockt und dort festgenommen. In Rom wird er sieben Jahre eingesperrt und gefoltert, dann wegen Gottlosigkeit verbrannt, weil er seinen Ideen treu blieb. Seine Philosophie fußt nicht so sehr auf dem naturwissenschaftlichen Denken. Er verachtet noch die Mathematik, die bald durch manche Ereignisse zum entscheidenden Instrument der Erkenntnis wurde, wie wir noch sehen werden.

Die Neuzeit bringt Staatsphilosophen hervor, wie Sir Thomas More (alias Thomas Morus, 1478-1535), der mit dem Roman »Utopia« (Nirgendland) seine Vorstellungen über den Staat veröffentlichte, der eine Idealgesellschaft mit absoluter Gleichheit, ohne Besitz sowie mit Freiheit der Religion ermöglicht. Niccolò Machiavelli (1469-1527) entwickelt einen völlig weltlichen Staat, unterwirft aber die Moral der Politik, was den absolutistischen Herrschern nach ihm ein theoretisches Werkzeug in die Hand drückt, womit sie nach eigenem Ermessen regieren und urteilen können. So kann man sagen, dass die Renaissance einerseits den Menschen aus den gedanklichen Fesseln des Mittelalters befreite, ihn aber andererseits in die politische Abhängigkeit von absoluten Herrschern brachte.

Seit etwa 1600 entwickelt sich die Wissenschaft zielstrebiger als vorher. Dieser Aufschwung wurde durch verschiedene Umstände gefördert:

  1. Anstelle der Kirche wurden durch selbständiges Denken Antworten auf Fragen gefunden, die den menschlichen Geist bedrängten. Die Kirche leistete anfangs erbitterten Widerstand gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse, da sie annahm, dass sie den Menschen in seinem Glauben erschüttern würden. Nach und nach fand sie sich jedoch mit der Existenz der Naturwissenschaften ab und ließ ihnen nicht nur im weltlichen Bereich ungehinderten Lauf, sondern sah auch zu, wie Mitglieder kirchlicher Orden als Forscher tätig wurden.
  2. Mitte des 16. Jahrhunderts kam es dann zur Gründung von wissenschaftlichen Akademien, wo man ohne kirchliche Kontrolle oder weltanschauliche Vorurteile allein im Wunsche, die Wahrheit zu finden, forschen und diskutieren konnte.
  3. Die Wissenschaft diente nicht mehr ausschließlich zur Befriedigung der Wissbegierde, sondern zunehmend dazu, um im täglichen Leben angewandt zu werden.

In der Chemie wurden Fortschritte zuerst langsam gemacht, da der Einfluss der Alchimie noch groß war. Der Beginn der modernen chemischen Forschung machte der Arzt Paracelsus (um 1493-1541). Die Atomtheorie von Demokrit, Leukipposund Epikur (5. Jahrhundert v. Chr.) [A1] galt lange Zeit als gottlos und wurde erst im 17. Jahrhundert wieder von dem Botaniker Joachim Jung (1587-1657) und dem Philosoph Petrus Gassendi (alias Pierre Gassend) (1592-1655) aufgegriffen. Letzterer stellte die richtige Hypothese auf, es hänge von der Geschwindigkeit der Atome ab, was für einen Aggregatzustand ein Stoff habe. Die Lehre der Elemente wurde durch Experimente von Robert Boyle (1627-91) festgelegt und von der antiken in die moderne Form verändert. Er fand u. a., dass Elemente aus kleinsten Teilchen, den »Atomen«, bestehen und sich zu Molekülen zusammenschließen. Damit waren die modernen Vorstellungen der Chemie geboren.

Galilei Galileo (1564-1642) ist durch seine mathematisch erfassbaren Gesetze berühmt geworden, zu denen er durch Anschauung und Experimente kam. Durch eine Versuchsanordnung, die künstliche Bedingungen in der Art der vermuteten Ursachen konstruiert, kommt er auf dem Wege der Induktion [10] zu Schlüssen (Naturgesetzen). Durch diese Vorgehensweise zerstört er den konzeptuellen Rahmen, der von der Kirche vorgeschrieben wurde, indem er auf die veröffentlichten Werke von Kopernikus zurückgreift, die besagten, dass die Erde sich um die Sonne dreht. So kann man Galileo als den Vater der modernen Wissenschaft sehen, denn Kopernikus nannte diesen Umstand nur eine Idee. Seine Wissenschaft basierte im Unterschied zum Wissen der Antike auf Beobachtungen.

Tycho BraheJohannes Kepler

Tycho Brahe und Johannes Kepler [L10]

Einer der berühmten Astronomen des 16. Jahrhunderts war Tycho Brahe (1546-1601), der ein schlechter Theoretiker, aber ein guter Beobachter war. Er erkannte, dass man dem wahren Wert am nächsten kommt, wenn man jede Größe viele Male hintereinander misst und dann einen Mittelwert aus den einzelnen Messresultaten bildet. Er beobachtete auch die Entstehung einer »Nova [11]«, die nach damaliger Auffassung ein neuer Stern am Himmel war. Da sich dieser gegenüber dem Fixsternhimmel nicht bewegte, war es klar, dass er außerhalb des Planetensystems stand. Dies war eine für die damalige Zeit ungeheure Beobachtung. Sie zeigte nämlich, dass der Fixsternhimmel nicht etwas Bleibendes ist, sondern dass sich hier Neues bildet und vielleicht auch Altes vergeht.

Seine Aufzeichnungen halfen Johannes Kepler (1571-1630), durch die Messbarkeit der Bewegungen im Weltall auf eine innewohnende Vernunft und Harmonie des gesamten Planetensystems zu kommen. Er hatte die letzten zwei Jahre Tycho Brahe in Prag assistiert. Durch Abweichungen bis zu acht Bogensekunden beim Mars kam er darauf, dass dies außerhalb der Messfehler lag, worauf er nach jahrelanger Arbeit durchProbierenherausfand, dass Planetenbahnen statt Kreise Ellipsen sind (»Keplersche Gesetze«). Er sah aber wie der Grieche Pythagoras, dass jeder Planet in der Umlaufbahn einen Ton singe und dass die Harmonie des Weltalls sich in einer Art Sphärenmusik ausdrücke - eine Harmonie in sich selbst, die nicht mehr von den Intentionen Gottes gelenkt wird. »Alles ist des Menschen wegen da«, meint er.

Der Ingenieur Simon Stevin (1548-1620) bewies, dass mehrere Kräfte, die auf ein Objekt einwirken, durch eine einzige Kraft ersetzt werden können. Er entwickelte auch das Gesetz des Hebels sowie das der Erhaltung der Arbeit und erklärte den freien Fall so, dass die Luft den Fall der Objekte beeinflusse, ohne den alle Objekte gleich schnell fallen. Dass der Druck an irgendeiner Stelle in einer Flüssigkeit nicht von der Menge der Flüssigkeit, sondern von der Tiefe unter der Flüssigkeitoberfläche abhängt bewies er, indem er die Kraft maß, um eine am Boden der Flüssigkeit liegende Platte hochzuheben.

Otto von Guericke (1602-1686) wies nach, dass Gase existieren und einen Druck haben (Experiment auf dem Marktplatz von Magdeburg). Die Zusammenpressbarkeit der Luft erforschte Robert Boyle (1627-1691): bei einer Verdoppelung des Druckes wird der Rauminhalt halbiert.

Die Erkenntnis hat Grenzen

Noch einige Zeit war man drauf und dran, alles zu wissen. Dies sollte sich bald ändern, doch musste bis zu dieser neuen Erkenntnis noch einige Zeit verstreichen. So lesen wir bei Francis Bacon (1561-1626) den bekannten Satz »Wissen ist Macht«, mit dem er die Natur beherrschen will. Bevor man aber wissen kann, muss man sich von allen Trugbildern (Idolen) entledigen. »Diese Idole haben den menschlichen Verstand in Besitz genommen und wurzeln tief in ihm.« Der menschliche Verstand sei wie ein trübe gewordener Spiegel. Erst wenn er gereinigt ist, wird man in ihm alles erblicken können. Die einzig verlässliche Quelle für Wahrheit ist für Bacon die Erfahrung (Beobachtung und Experiment). Von der Erfahrung ausgehend kann der Mensch durch Induktion zur Erkenntnis der Gesetze, die die Natur bestimmen, fortschreiten. Er ist somit Begründer des Empirismus.

René Descartes

René Descartes [L10]

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts hat die rationalistische Philosophie René Descartes (1596-1650) die Absicht, »alles von Grund auf umzustürzen und von den ersten Fundamenten aufs Neue zu beginnen«. Mit dem methodische Zweifeln begeht Descartes [12] diesen Weg und kommt zum ersten Schluss, dass es »ein Widerspruch ist, dass das, was denkt, indem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe.« Daraus folgt: »Ich denke, also bin ich (Cogito, ergo sum).« Somit setzt er als oberstes Prinzip das denkende Bewusstsein. Er meint, das Ideen [13] über Dinge im Menschen schon von der Geburt vorhanden sind (Idealismus). Die Vernunft ist die einzige Quelle des Wissens. Zu den angeborenen Ideen gehört auch die Idee eines Gottes. Da der Mensch ihn denken kann, existiert er auch, und zwar so, wie man über Ihn denkt: vollkommen und gut. Es gibt für Descartes zwei Substanzen, Geist und Körper, die scharf voneinander getrennt sind.

Sein kann nur, was ich denke, sagt der Rationalismus Descartes'. Sein kann nur, was ich wahrnehme, sagt der Empirismus. John Locke (1632-1704) legt die Grundzüge des empirischen Wissens fest, dass später in den modernen Wissenschaften große Bedeutung erlangte. Er ist der Ansicht, dass das Bewusstsein am Anfang wie ein unbeschriebenes Blatt ist, was keinerlei angeborene Ideen beinhaltet. Alles Wissen stammt nur aus der Erfahrung, deren es zwei Arten gibt: die Sinnesempfindung (sensation) und die Selbstbeobachtung (reflection). Ein Kernsatz des Empirismus: »Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist«. Aus diesen Wahrnehmungen entstehen einfache Ideen wie Farbe, Töne, Gestalt, Bewegung, Erinnern und Wollen, woraus komplexe Ideen entstehen. Die Erkenntnis setzt erst auf Grund von Urteilen ein, die entweder der intuitiven Anschauung oder dem demonstrativen Beweis entstammen. Ausgangspunkt aller Erkenntnis ist zwar die Erfahrung, aber ihre Verarbeitung ist aktive Arbeit des Verstandes. Locke ist sich Bewusst, dass die menschliche Erkenntnis Grenzen hat, Fragen nach dem letzten Grund von Sein nicht beantworten kann.

George Berkeley (1685-1753), Bischof von Cloyne, geht wie Locke davon aus, dass nur die Wahrnehmung Quelle der Erkenntnis ist, leugnet aber den materiellen (körperlichen) Charakter der Dinge. Für ihn ist die Frage, was Wahrheit ist, nicht beantwortbar, da wir von allen Dingen ja eigentlich nur eine Vorstellung haben. David Hume (1711-76) beschränkt das Denken des Menschen allein auf das Vermögen, das, was der Mensch wahrnimmt, zu verbinden und zu erweitern. Die letzten Gründe seiner Wahrnehmung kann der Mensch nicht erfahren. Er weiß nur, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat. Hieraus ergibt sich ein »gemäßigter Skeptizismus«.

Der Empirismus behauptet sich neben dem Rationalismus, bis beide Richtungen durch Kant eine gewisse Vereinigung erfahren. Im 19. und 20. Jahrhundert wird der Empirismus zur Grundlage für bestimmte Entwicklungen der Philosophie und für die Naturwissenschaften.

Im 17. Jahrhundert gab es wieder eine Fülle von neue Erkenntnisse in den Wissenschaften. 1675 wurde die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes erstmals vom Astronom Ole Römer (1644-1710) auf 307.200 km/s ziemlich genau bestimmt. Das Brechen des Lichtes beim Übergang von einem Medium ins andere wurde von Willebrordus Snellius (1591-1626), eigentlich Snell van Royen, formuliert. Es setzte sich endlich die Erkenntnis muslimischer Wissenschaftler durch, dass das Licht nicht vom Auge ausgehe, sondern von draußen ins Auge eintrete, und die alte Vorstellung von Euklid, Ptolemäus und den Pythagoreern wird endlich aufgelassen. Die Wellentheorie des Lichtes wurde von Christian Huygens (1629-1695) begründet.

Sir Isaac Newton

Sir Isaac Newton [L10]

Der berühmte Physiker Isaac Newton (1643-1727) ist Begründer der theoretischen Mechanik. Die experimentelle Erforschung der Gesetze des freien Falls durch Galileo gehört zu den bedeutensten Tatenjener Epoche. Sie brachte den eindeutigen Beweis dafür, dass die Schwerkraft eine Zunahme der Geschwindigkeit bewirkt und nicht lediglich zum Aufrechterhalten der Bewegung erforderlich ist. Ebenso wurde klar, dass ein auf einen Körper einwirkende Kraft zu einer Beschleunigung in Richtung der Kraft führt. Es war nicht Galilei, sondern Newton erst vergönnt, eine Theorie der Mechanik auf Axiomen aufzubauen. Zunächst definiert er den Begriff der Masse eines Körpers. Danach wird die sogenannte Bewegungsgröße Impuls festgelegt. Schließlich erklärt Newton, was er unter Kraft versteht. Darauf aufbauend formuliert er seine Gesetze (1687):

  1. Jeder Körper bleibt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung, solange keine Kräfte auf ihn einwirken (Trägheitsgesetz);
  2. die Änderung der Bewegungsgröße Impuls (m · v) ist der auf den Körper wirkenden Kraft proportional und findet in der Richtung statt, in der die Kraft einwirkt;
  3. jede Kraft kann durch eine gleich große Gegenkraft aufgehoben werden.

Newton ist zwar der Meinung, Masse und Kraft eindeutig definiert zu haben, irrt sich aber, denn er erklärt sie nur durch ihre Auswirkungen. Denn was Masse und Kraft wirklich ist, weiss man bis heute nicht [14]! Die Gleichungen Newtons wurden zum Kern der klassischen Mechanik und zur Grundlage der modernen Technik. Der Beweis dieser Naturgesetze auf indirektem Wege war eine gewaltige geistige Leistung.

Newton nahm an, dass das Licht aus kleinen Korpuskeln besteht. Um der heftigen Kritik der Befürworter der Wellentheorie entkommen zu können gestand er, dass aus den Korpuskeln auch Schwingungen ausgingen. Seine Vorstellungen haben aber mit der Korpuskulartheorie der Quantenmechanik des 20. Jahrhunderts nichts zutun und waren falsch. Er bemerkte, dass Farben Bestandteile des weißen Lichtes sind. Goethe konnte es nicht fassen, dass das banale weiße Licht aus Farben besteht und baute seine »Farbenlehre« auf, die aber für die Physik bedeutungslos ist.

Baruch de Spinoza (1632-77) zeigt in seiner »Ethik« dem Menschen, wie der Weg zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu beschreiten ist. In diesem Werk gibt es die radikalste Beschreibungen von individueller Freiheit des Menschen, die Spinoza sich trotz aller Kritik erhalten konnte. Er vertritt die Toleranz in religiösen Dingen, die Denk- und Redefreiheit und die Bibelkritik, was ihm viele Feinde einbringt, aber gewissermaßen eine Grundlage für die spätere Ideologie der westlichen Welt bildete. Wir sehen in Spinoza wichtige Aspekte, die zu der heutigen politischen Moderne und zur heutigen Denkweise geführt haben. Er meint: »Unter gut werde ich das verstehen, wovon wir gewiss sind, dass es uns nützlich ist.« Er ist der Denker einer Freiheit, die der Mensch aus einem Recht in der Natur und nicht aus einem geschriebenen Gesetz, aus seiner eigenen Fähigkeit und nicht aus der Macht gewinnt. Spinoza meint, es gebe nur eine gewisse Substanz: die Natur, welche allumfassend und ewig wäre, und setzt sie gleich Gott.

Takakazu Seki KowaJacob BernoulliPierre de FermatBlaise  Pascal

Takakazu Seki Kowa, Jacob Bernoulli  Pierre de Fermat und Blaise Pascal [L10]

Zehn Jahre vor Leibniz konnte im Jahre 1683 Takakazu Seki Kowa(1642-1708) zum ersten Mal mit Determinanten Gleichungen lösen. Er fand auch Bernoullis Zahl vor Jacob Bernoulli, und löste Gleichungen für positive und negative Wurzeln in reeler Domäne. Interessant ist, dass man fast zur selben Zeit in Europa begann, den Schwerpunkt der Mathematik auf die praktische Anwendbarkeit zu legen und sich auf solche Bereiche wie die analytische Geometrie (erste Verwendung von Pierre de Fermat, 1601-65) zu konzentrieren. Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz fanden unabhängig voneinander und ungefähr zur selben Zeit die Differenzialgleichungen, mit denen nahezu alle physikalischen Gesetze beschrieben werden können und ohne sie die moderne Naturwissenschaft undenkbar ist.

Es ist interessant, dass Entdeckungen in Wissenschaft, Forschung und Technik unaufhaltsam sind, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Für den Vergleich der Einwirkung der Moderne auf die Gesellschaften wäre es interessant, herauszufinden, warum der Fortschritt in Japan erst nach 1867 Fuß fasste, und warum das Osmanische Reich, dass im 17. Jahrhundert ja noch eine Supermacht war und dessen Heer vor den Toren Wiens stand, nicht von der Moderne profitieren konnte und zu Grunde ging.

Der technische Fortschritt war im 16. und 17. Jahrhundert im Vergleich zu der Naturwissenschaft gering. Trotzdem wurden einige Entwicklungsansätze abgeschlossen. In der Mechanisierung wurden Teilprozesse nicht mehr von Hand, sondern durch Maschinen erledigt. Im 17. Jahrhundert wurden Rechenautomaten hergestellt, wie der von Wilhelm Schickard (1592-1635). Blaise Pascal (1623-62) seine Rechenmaschine wurde insgesamt ca. 50 Mal hergestellt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts soll in Danzig eine Bandmühle erfunden worden sein, die gleichzeitig mehrere Bänder habe weben können. Den Erfinder sollen aber die aufgebrachten Zunftmitglieder ertränkt haben. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde eine ähnliche Bandmühle in Holland in Betrieb genommen. Man sieht, dass der Vormarsch der Technik nicht mehr durch Zerstören der Erfindung oder Töten des Erfinders zu stoppen ist, wenn die Zeit dazu reif wird.

Der Rationalismus versucht, widerspruchsfrei die Fragen zu beantworten und das gesamte Sein als Homogenität aufzufassen, was in der Folgezeit der Kritik ausgesetzt wird. Davor versucht Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), den Rationalismus und den Empirismus sich anzunähern, bleibt aber eher ein Rationalist. Er unterscheidet zwischen Vernunftwahrheiten (vérités de raison) und Tatsachenwahrheiten (vérités de fait), wo letztere durch die sinnliche Wahrnehmung erkannt werden. Quelle der Erkenntnis ist die Seele des denkenden Menschen, die eine Kombination des »klar fließenden« Verstandes und des »trübe fließenden« Sinnes darstellt.

Für Leibniz ist die Mathematik nur die Methode der Erkenntnis, der Mittler. Erkenntnis liegt aber nicht in ihr. Er baut um den Mittelpunkt der Monaden [15] seine Philosophie auf und kritisiert Descartes und Spinoza. Beide waren nur von zwei oder gar einer Substanz ausgegangen.

Die Gedankenkonstruktion von Leibniz ist das letzte System des Rationalismus, das die Frage »Wie erkenne ich die Welt?« zu beantworten versucht und als letzten Grund Gott einsetzt. Ab Leibniz wird nur noch auf die »Vernunft« aufgebaut. Man merkt dabei nicht, dass anstelle von Gott, der für fast alle späteren Philosophen nur noch als Idee existiert, Begriffe und Ideale wie »höchste Prinzipien« und andere Ideen getreten sind. Beispiele sind die Freiheit, Gleichheit, Toleranz oder der sogenannte Endzweck der Philosophie, die von allen Philosophen behandelt und von fasst allen neuzeitlichen Philosophen hochgeschätzt wurden.
 

Es folgte nun die Philosophie der Aufklärung. Sie ist die Philosophie einer neuen Praxis, die unmittelbar ins Leben und die gesellschaftliche Entwicklung eingreift und 1789 mit der Französischen Revolution endet.

Jean-Jacques Rousseau (1712-78) war einer der ersten Philosophen dieser Zeit, der darauf hinweist, dass er, so wie andere Denker des 18. Jahrhunderts, das Vertrauen in die reine Vernunft verloren hat. »Die Empfindung bedeutet mehr als die Vernunft«, ist sein Ausspruch. Er kritisiert heftig die Umstände seiner Zeit und meint: »Eine Handvoll Menschen leben im Überfluss, während es der hungernden Menge am Nötigen fehlt«. Mit dem Ausspruch »Zurück zur Natur« will er zum Ursprung des Menschen zurückkehren, zu einem Gutsein, zum nichtentstellten Menschen (»Emile«). Um das ursprünglich gute Wesen des Menschen in der Gemeinschaft zu bewahren entwirft er ein Modell, welches im Gesellschaftsvertrag niedergeschrieben ist. Es basiert auf der Einheit des Volkes, welches auf dem allgemeinen Willen basiert und souverän ist (Demokratie). Die höchsten Prinzipien sind die Freiheit und die Gleichheit.

Voltaire (1694-1778) vertraut auf eine natürliche Vernunft, womit er klären will, was dem Menschen nützt, ihm Autonomie gibt. Sie ist nicht mehr so kompliziert wie die der Rationalisten. Die Vernunft müsse sich von »Vorurteilen« befreien, um aktiv werden zu können. Damit meint er alles, was unüberprüft aufgenommen wird, und die meisten dieser Vorurteile findet er in der Religion. Dies, obwohl er Gott nicht leugnet. Er fügt aber hinzu: »Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden«. Dieser Gott steht außerhalb der Welt, er ist »der große Gott im All«, der nicht in die Welt eingreift (Deismus).

In der Aufklärung ist der Traum vom umfassenden Wissen ausgeträumt, der im Grunde wieder einen neuen Glauben nährte, dass das denkbare Sein auch das reelle sei.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Wissen der Newtonschen Mechanik zu den Hamiltonschen Gleichungen der klassischen Mechanik weiterentwickelt [benannt nach William Rowan Hamilton (1805-65)]. In der Mathematik wurden u. a. die Funktionen von komplexen Veränderlichen, Differenzialgleichungen, die Mengenlehre sowie die Gruppentheorie aufgebaut. Die nicht euklidische Geometrie wurde im 20. Jahrhundert zu einem Hilfsmittel der modernen Physik. Durch die neuen Kenntnisse entwickelte sich die Technik stürmisch.

In der Chemie widerlegt Antoine Laurent Lavoisier (1743-94) die Theorie von der Verbrennung und findet die richtige Vorstellung darüber, nämlich das sie durch Oxidation stattfindet (ohne ein »Element« namens Phlogiston, dass beim Brennen freigesetzt würde).

Eine erste Unterstützung für die bis dahin hypothetische Atomtheorie gibt es bei Untersuchungen der Stoffumwandlung. Durch die Synthese von Urin aus anorganischen Substanzen zeigte Friedrich Wöhler (1800-82) im Jahre 1828, dass im Widerspruch zu der bis dato herrschenden Hypothese organische Substanzen ohne eine sogenannte »Lebenskraft«, die nur Lebewesen zugeschrieben wurde, entstehen können. Dies war die Geburtstunde der organischen Chemie. Wöhler gründete mit Liebig die Radikaltheorie, gemäß der bei der Umwandlung organischer Stoffe einzelne Atomgruppen - so wie die Atome in anorganischen Stoffen - als unveränderliche Einheiten agieren. Viele Strukturen von organischen Stoffen konnte Friedrich August Kekulé von Stradonitz (1829-96) aufklären. Er stellte die Hypothese der Wertigkeit der Elemente auf, wo er dem Kohlenstoff die Wertigkeit 4 zuwies, und stellte eine ganze Anzahl von organischen Verbindungen auf. Durch seine Forschungen schritt die organische Chemie rasant voran.

Man entwickelte auch zum ersten Mal Medikamente, die nicht aus natürlichen Stoffen hergestellt wurden. So kam um 1890 Aspirin als Schmerzmittel auf den Markt. Die Grundlagen der Pharmaindustrie waren gelegt. Die Farbenindustrie entwickelte sich schnell, nachdem man Farbstoffe künstlich herstellte (Alizarin, Indigo- und Azofarbstoffe).

Gustav Robert KirchhoffEuler

Gustav Robert Kirchhoff , Sadi Carnot [L10]

Die Spektralanalyse wurde zuerst von Robert Wilhelm Bunsen (1811-99) und Gustav Robert Kirchhoff (1824-87) durchgeführt, durch die sie 1861 Cäsium und Rubidium entdeckten. Dimitrij I. Mendelejew (1834-1907) und Julius Lothar Mayer (1830-95) fanden Gesetzmäßigkeiten zwischen den Elementen. Mendelejew stellte das Periodensystem der Elemente auf und sagte die Eigenschaften von Galium und Germanium laut diesem System voraus. Er sollte recht bekommen! Den Grund für die Gesetzmäßigkeiten erfuhr man erst im 20. Jahrhundert durch die Quantenmechanik.

Der Satz der Erhaltung der Energie (1. Satz der Thermodynamik) wurde von Julius Robert von Mayer (1814-71) herausgefunden, gemäß dem Arbeit und Wärme nur verschiedene Erscheinungsformen der gleichen Größe sind. Der auf Erfahrung beruhende 2. Satz der Thermodynamik, der von Nicolas Léonard Sadi Carnot (1793-1832) bestätigt wurde besagt, dass die Entropie [16] nur zunehmen und nur mit geringer Effizienz Wärme in Arbeit umgewandelt werden kann.

Die Elektrizität wurde systematisch erforscht. Benjamin Franklin (1706-90) war einer der großen Wissenschaftler seiner Zeit. Er war der Meinung, es gäbe ein positives und ein negatives elektrisches Fluidum. Er entwarf u. a. den ersten Blitzableiter, wodurch er nicht nur Beifall geerntet haben soll: manche waren der Ansicht, der Blitz sei die Strafe des Himmels und sollte nicht vom Menschen abgelenkt werden! Zahlreiche Forscher arbeiteten auf dem Gebiet der Elektrizität. Zu guter Letzt veröffentlichte James Clerk Maxwell (1831-79) 1856 die vollendete Theorie des Elektromagnetismus [17]. Als Folge dieser Überlegungen kam man darauf, dass elektromagnetische Felder sich wie Licht ausbreiten. Daraus schloss Maxwell, dass Licht eine elektromagnetische Welle ist, was Heinrich Hertz (1857-94) 1886 bewies.

In der Astronomie wurde die Himmelsmechanik vervollkommnet. Der Mathematiker, Physiker und Astronom Pierre Simon Laplace vollendete die Mechanik des Sonnensystems, indem er bei der Berechnung der Planetenbahnen zusätzliche Kräfte außer der Sonne auch berücksichtigte. Er ist bekannt mit seiner Theorie der Entstehung des Sonnensystems. Da alle Planeten in gleicher Richtung sich um die Sonne bewegen, konnte dies kein Zufall sein; Newton nahm an, ein Schöpfer sei am Werk gewesen. Laplace soll demgegenüber nachdem er die erste kosmologische Theorie Napoleon erklärt hatte, Napoleon mit dem berühmten Ausspruch gesagt haben, er habe die Hypothese des Schöpfers in seiner Theorie nicht benötigt. Er erklärte die Tatsache, dass alle Planeten den gleichen Umlaufsinn haben damit, dass das Sonnensystem ursprünglich eine nebelartige Masse war, die um ihre eigene Achse rotierte und von der sich im Laufe der Zeit durch Zentrifugalkräfte die einzelnen Planeten trennten. Wir wissen heute, dass die Theorie in dieser Weise nicht richtig sein kann.

EuklidEulerCarl Friedrich GaussDavid HilbertFelix KleinLeopold Kronecker

Die Mathematiker Leonhard Euler, Carl Friedrich Gauss, David Hilbert, Felix Klein und Leopold Kronecker [L10]

Einer der größten Mathematiker aller Zeiten war sicherlich Carl Friedrich Gauss (1777-1855), der die moderne Mathematik nach George Green (1793-1841) in England nun in Deutschland einführte. Sein Beitrag zur Mathematik ist groß. U. a. bewies er den Fundamentalsatz der Algebra, der besagt, dass Gleichungen so viele Lösungen haben, wie ihr Grad. Leonhard Euler (1707-83) trug zur Geometrie, der Zahlentheorie und der Mechanik bei. Er fand z. B. eine der wichtigsten Gleichungen in der Mathematik [18]. Außerdem fand er Lösungen für Probleme der astronomischen Beobachtung. Leopold Kronecker (1823-91) versuchte, alle mathematischen Aussagen auf Zahlen zurückzuführen. »Die natürlichen Zahlen hat der liebe Gott gemacht, alles andere ist Menschenwerk«, meinte er.

Vollkommen neue Gesichtspunkte brachte der Mathematiker Felix Klein (1840-1925) mit seinem Erlanger Programm: seine projektive Geometrie ist eine euklidische, wo zwei Figuren nur dann die gleiche Form haben, wenn ihre Winkel gleich sind.

Zu weiteren Abstraktionen führten die Bemühungen von David Hilbert (1862-1943) in der modernen Mathematik. Er war der Ansicht, dass man Definitionen von grundlegenden Begriffen überhaupt nicht treffen sollte, da dies mathematisch unmöglich ist. So werden Axiome so formuliert, dass es offenbleibt, wofür sie gelten [19].

Die deutsche Aufklärung hat keine Revolution zur Folge, denn sie findet nur in den Köpfen statt. Der Theorie von Gleichheit, Freiheit und Toleranz folgt keine neuen Praxis. Für Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) ist zwar der »edelste Untersuchungsgegenstand der Mensch« und Preußen das versklavteste Land Europas, aber durchschlagende Wirkung in die gesellschaftliche Praxis hat die deutsche Aufklärung nicht. Das liegt sicher auch daran, dass Deutschland wegen seiner Vielzahl von Kleinstaaten einer politischen Zersplitterung unterlag, was in Frankreich nicht der Fall war.

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt«. Dies sind die Aussagen des Emanual Kant (1724-1804), der die Philosophie wieder komplizierter machen wird. Sie hat keinen Hinweis mehr auf Praxisbezogenheit, wie wir sie bei Rousseau finden, und beschränkt sich wieder auf das reine Denken und das Sein des Individuums, das denkt.

Kant versteht seine Philosophie ausdrücklich als Kritik. Die zentrale Frage der Erkenntnis ist für Kant: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Denn nur durch diese Urteile gibt es ein Mehr an Wissen, nur sie bereichern unsere Erkenntnis. Nach Kant gäbe es diese Urteile in der Mathematik (die Gerade ist die kürzeste Verbindung zweier Punkte), in der Naturwissenschaft (die Quantität der Materie in der Welt bleibt unverändert), aber auch in der Metaphysik (die Welt muss einen Anfang gehabt haben). Notwendig, allgemein gültig, da auch der Erfahrung zugänglich, sind für Kant die beiden ersten Urteile, während dem der Metaphysik eine mögliche Bestätigung durch Erfahrung (empirische Erkenntnis) versagt ist und es sich so unserem Erkenntnisvermögen entzieht. Alle auf empirische Erkenntnis aber verzichtenden Urteile können nur einen Schein wahrnehmen, nicht die Wahrheit selbst. Gott, Freiheit und das »Ding an sich [20]« sind aber für den Menschen nicht erfahrbar, nicht zu erkennen und nur bloße Ideen. Im synthetischen Urteil verbinden sich die Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes.

Für Kant sind z. B. Anschauungen in Raum und Zeit sowie die Denkformen der Vernunft a priori, die schließlich zur Synthesis führen. Der letzte Grund für diese Einheit besteht darin, dass der Mensch ein Ich hat. Nur dieses Ich kann die Wahrnehmung auf einen Gegenstand beziehen. Diese Identität des Ichs ist der höchste Punkt der kritischen Erkenntnisphilosophie Kants.

»Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten«, schreibt er und fordert: »Die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten«. Anders ausgedrückt würde das heißen, die menschliche Vernunft schaffe sich ihre Gegenstände selbst, genauer aber besagt es, dass sie »nicht nur mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen« zutun hat. Diese Kritik bezeichnet Kant selbst als die Kopernikanische Wende in der Philosophie. Nach Kant muss der Philosophie drei Grundfragen stellen: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen? Durch die Praxis der unendlichen Vernunft entsteht die Freiheit und die Autonomie des Menschen. Die Grundlagen der Ethik sind selbst denken, der Vernunft folgen, die Anlage in sich selbst zur Persönlichkeit durch sie entwickeln. Der autonome Wille ist Selbstgesetzgebung der praktischen Vernunft. Was er hoffen darf, bestimmt er durch sein eigenes Wollen, durch seine tätige Vernunft. Handeln soll er so, dass die Maxime seines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Die Philosophie Kants ist sicher eine Wende und ein Fixpunkt in der Geschichte der Philosophie. Zum Einen hat er den Dualismus zwischen Körper und Geist, zwischen Empirismus und Rationalismus aufgehoben und so die Grenzen der menschlichen Erkenntnis genau abgesteckt. Zum Anderen hat er die Freiheit des Menschen neu bestimmt, die in der Praxis einer Vernunft liegt, die zugleich in sich praktisch und kritisch ist.

Ein Artikel über die Moderne wäre unvollständig, wenn er die Entwicklungen in der Biologie nicht berücksichtigen würde, die in vielen anderen Bereichen der Wissenschaft und in der Gesellschaft große Änderungen zur Folge hatte. Die wichtigsten Entwicklungen hier waren die Abstammungstheorien, die dann auch in anderen Wissenschaftzweigen Anklang fanden.

Die erste Abstammungstheorie ist der Lamarckismus, der die Unveränderlichkeit der Arten bestreitet. Diese frühe Deszendenztheorie, die von Lamarck selbst nicht auf den Menschen ausgedehnt wurde, erlangt um 1800 große Bedeutung. Lamarcks Anschauungen sind jedoch durch die spätere Forschung nicht bestätigt worden. Die experimentelle Genetik erbrachte z. B. bisher keine Beweise für die Vererbbarkeit funktioneller oder psychischer Anpassungen (»erworbene Eigenschaften«).

Charles Robert Darwin (1809-82) ist der Begründer einer Theorie, die dem Lamarckismus zur Seite steht und sich gegen die Kataklysmentheorie von G. Cuvier (1769-1832) stellt. Darwin gelangte zu der Überzeugung, dass die Erdgeschichte stetig ablaufe [21]. So schuf er die Selektionstheorie, die er erstmals 1842 skizzierte und 1844 ausführlich darstellte. In der Biologie wirkten seine Ideen umwälzend und regten eine Fülle von einschlägigen Untersuchungen an. Die Evolutionstheorie ist heute wie damals von Bedeutung in der Biologie.

Darwin schloss wie Lamarck den Menschen in seine Betrachtungen nicht ein, was ihm von wissenschaftlichen Kreisen bis heute nie ganz verziehen wurde. Erst durch das Wirken anderer Wissenschaftler wurde der Mensch Teil des Darwinismus, der von zwei Grundvoraussetzungen ausgeht:

  1. der Veränderlichkeit der Merkmale der Lebewesen.
  2. der Überproduktion an Nachkommen.

Von den Arten überleben im Konkurenzkampf (struggle of life) diejenigen am ehesten, die sich ihrer Umwelt am besten anpassen (the fittest). Darunter ist das statistisch positive Nachkommensverhältnis zu verstehen. Die Selektion (Auslese) nimmt noch kleine Abänderungen im Genotypus des Organismus an, die die Eignung der Lebewesen positiv oder negativ beeinflussen. Im statistischen Durchschnitt sind die geeignetsten Lebewesen, die jeweils die größte Fortpflanzungsraten besitzen, im Vorteil. Durch die Wirkung der natürlichen Auslese bleiben sie im Ringen um die Existenz erhalten.

Darwin hat nachdrücklich auf die Analogie der natürlichen Auslese zu der vom menschlichen Züchter betriebenen künstlichen Auslese als Modellmechanismus hingewiesen. Die natürliche Auslese habe im Laufe der Erdgeschichte zu einem allmählichen Wandel der Organismenarten geführt. Die Selektionstheorie ist heute generalisierend induktiv und auch exakt induktiv (experimentell) allgemein anerkannt. Sie steht zu keinem Ergebnis der Biologie im Widerspruch. Insbesondere hat sie in der modernen Genetik (Vererbungsforschung) eine klare und endgültige Grundlage erhalten. In modernen zusammenfassenden Werken wird in neuerer Zeit sowohl bei ein- als auch bei mehrzelligen Lebewesen einige Phänomene durch diese Theorie erklärt [A2]. Die mehrfach bis in die jüngere Vergangenheit hinein (meist aus außerwissenschaftlichen Gründen) geübte Opposition ist so gut wie verstummt. Die Kausalität von Sonderproblemen, z. B. die sogenannte sexuelle Zuchtwahl, hat sich zwar als komplizierter herausgestellt, als Darwin zunächst annahm, doch war sie schon von ihm grundsätzlich richtig erfasst. Das gilt auch für die Frage nach der Abstammung des Menschen. Die allgemeine Wirkung des Darwinismus war revolutionierend und griff weit über die Bereiche der naturwissenschaflichen Biologie hinaus.

Im deutschsprachigen Raum geht die Philosophie andere Wege als im romanisch-angelsächsischen, der auch zur andersartigen politischen Entwicklung beitragen sollte. So wird im Absolutismus nach dem Absoluten der Idee gesucht. Wichtige Philosophen dieser Richtung sind Fichte, Schelling und Hegel. Für Schelling ist die Kunst als Ausdrucksform von Nichtartikulierbarem dem Philosophen das Höchste, weil sie ihm das Allerheiligste gleichsam öffnet. In der Kunst drückt sich Freiheit aus und die romantische Sehnsucht nach der Einheit von Leben und Kunst. »Die Natur schafft als Künstler, der Künstler als Natur.« Schelling gab der Romantik ihre theoretische Grundlage.

Einen anderen philosophischen Stil hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Er ist ein bekannter idealistischer Philosoph, der den Geist als Absolutes sieht. Für Hegel ist »Philosophie .... ihre Zeit in Gedanken gefasst«; da sie das Wahre konkret (in Gedanken) erfasse, sei sie auch die absolute Wissenschaft: »Ihr Grundbegriff ist das wahrhaft Unendliche«. Da Hegel glaubt, dies erkannt zu haben, kommt er zum Schluss, ihm sei die Aufgabe zugefallen, die gesamte Philosophie zu einem Abschluss zu bringen. Dieser sei dann der Endpunkt der Philosophie überhaupt. Er meint: »Alles ist Werden«. Der innere Prozess des Werdens ist die Dialektik. «Alles hat zwei Seiten», sagt dazu der gesunde Menschenverstand, vergisst dabei aber oft die dritte, die wie die eines Dreiecks alles irgendwann auf einer höheren Stufe vereint.

Parallel dazu entwickelte sich die Technik im 18. und 19. Jahrhundert so schnell, dass wir hier nur Entwicklungen in einigen Bereichen erwähnen können. Grund für diesen rasanten Fortschritt war, dass man systematisch wissenschaftliche Erkenntnisse in der Technik anwandte und umgekehrt auf Grund von technischen Fragestellungen wissenschaftlich forschte. Der Zeitabschnitt von 1750 bis 1850 ist als industrielle Revolution in die Geschichte eingegangen. Und sie hat die Gesellschaft grundlegend verändert.

Die nun kommende Philosophie ist realitätsbezogen und wird durch die Probleme des 19. Jahrhunderts im Westen bestimmt. Ausgehend von England bewirkt die Industrialisierung auch in Frankreich und Deutschland eine neue Gesellschaftsordnung, in der sich der Kapitalismus schnell entwickelt und von da an die Wirklichkeit bestimmt, die wesentlich Arbeit und Elend für viele, Eigentum und Reichtum für wenige bedeutet. Dadurch entfremdet sich der Mensch seiner Arbeit, es formt sich Widerstand, und die Philosophie dieser Zeit stellt den Menschen in den Mittelpunkt.

»Die Philosophie soll das ganze Wesen des Menschen in sich fassen«, sagt einer der ersten entschiedensten Kritiker Hegels, Ludwig Feuerbach (1804-72). Er war der Meinung, dass die gesamte idealistische Philosophie so tue, als sei »unser Kopf ein außerweltliches Ding«, womit die abstrakten Denker »das Wesen des Menschen außer den Menschen« setzen, was ihn sich selbst entfremden muss. Demgegenüber behauptet Feuerbach: »Der Mensch ist, was er isst«, womit er meint, dass den Menschen das ausmacht, was er von der Materie, der Natur, aufnimmt und durch seine Sinnlichkeit zu Gedanken formt. »Aus der Passion, aus der Quelle aller Lust und Not erzeugt sich der wahre objektive Gedanke«. Dies ist der Weg der Erkenntnis, mit dem Feuerbach einen neuen Materialismus begründet. Auf die Frage der Existenz Gottes meint Feuerbach: »was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht, das macht er zu seinem Gotte oder das ist sein Gott«. »Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken« ist der Grundsatz, welcher für Marx und Engels den Ausgangspunkt für ihre Philosophie bildet.

Für Karl Marx (1818-1883) gilt: »Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien (Geheimnisse, Rätsel) finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und indem Begreifen dieser Praxis«. Ausgangspunkt jeglicher Erkenntnis ist die menschliche Tätigkeit, und das Begreifen dieser Tätigkeit Philosophie. »Die Philosophen haben die Welt nur verschiedentlich interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.« Diese Einheit von philosophischer Praxis und politischer Tätigkeit macht nicht nur einen Wesenszug dessen aus, was man nach Marx den Marxismus nennt, sondern ist wesentlich für das Leben von Karl Marx und Friedrich Engels (1820-1895).

Ein weiterer Ausdruck ganz anderer Art der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die das Bürgertum zu Macht und Reichtum brachte, ist eine philosophische Richtung, die sich in Frankreich und England entwickelte und Positivismus heisst. Das Bürgertum fühlt sich vom Volk bedroht, und es such eine Ideologie, die ihm sowohl Sicherheit bringt als auch Ausdruck seiner Tätigkeit ist, also positiv sein muss. Aus dem Positivismus entsteht ein Kult der Erfahrung, des Fortschritts und des Glaubens an die Wissenschaft, der nicht mehr nach der Notwendigkeit hinterfragt wird.

Im 19. Jahrhundert breitet sich die Krise des bürgerlichen Menschen aus, die sich auch in der Philosophie bemerkbar macht. Ihre Wirkung ist bis weit in das 20. Jahrhundert spürbar. Die von Marx festgestellte Entfremdung des Menschen weitet sich zur »Furcht vor dem Menschen« (Schopenhauer) aus, so dass gar »der Weisheit Anfang« in ihr vermutet wird. Diese Frage bewegt die moderne Literatur (Charles Baudelaire), die sich der Probleme des Menschen annimmt.

Die Antworten auf die Entfremdung Schopenhauers,Kierkegaards [22] und Nietzsches sind subjektive Anschauungen. Sie haben sich im Unterschied zu Marx entweder der Negativität und Sinnlosigkeit der Welt ergeben oder wollen in der Übertretung von allem, was bis dahin gültig war, eine eigene Welt schaffen, die jenseits aller bisherigen Erfahrungen von Gut und Böse liegt.

Für Arthur Schopenhauer (1788-1860) stellt sich die Frage, woher der große Misston kommt, der die Welt durchdringt. »Unser Dasein hat keinen Grund, keinen Boden, worauf es fußte, als die dahinschwebende Gegenwart.« Er beschreibt die Entfremdung weiter: »In einer solchen Welt, wo keine Stabilität irgendeiner Art, kein dauernder Zustand möglich, sondern alles in rastlosem Wirbel und Wechsel begriffen (ist), alles eilt, fliegt, sich auf dem Seile durch stetes Schreiten und Bewegen aufrechterhält - lässt Glückseligkeit sich nicht ein Mal denken.«

Nietzsche (1844-1900) ist als ein Zertrümmerer jeder Gewissheit in die Philosophie eingegangen, der »mit dem Hammer« philosophiert. »Götzen (mein Wort für Ideale) umwerfen - das gehört zu meinem Handwerk«, sagt er. Seine Philosophie ist ein Schrei des Protestes. Nietzsche bezeichnet sein Denken als die Philosophie der Zukunft. Seine Zeit sei eine des inneren Zerfalls und einer Entwertung aller Werte. Der Mensch kann in ihr nicht Selbst sein. Technik und Fortschritt haben ihm eine neue Definition gegeben, die nicht vom Menschen gesetzt ist, sondern von außen, von den Sachzwängen einer neuen Gesellschaft. Der Mensch hat sich so von sich selbst entfremdet. Alle »Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind«. Alle Normen und Werte sind durch den Nihilismus zu überwinden, indem man die Fesseln der Vernunft abstreift und zu einem neuen Menschen, dem Übermenschen, wird, der aus einer Freiheit seiner Ungebundenheit die neue Tafel der Werte, die »Jenseits von Gut und Böse« liegen, schafft. »Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist«, meint er.

Doppeldeutigkeiten und Kausalität

Die Eigendynamik der Moderne (der modernen Wissenschaften) wuchs über die Jahrhunderte, so dass sie begann, auf nicht naturwissenschaftliche Bereiche entscheidenden Einfluss auszuüben. Als Beispiel wollen wir die Entwicklung in der modernen Physik und deren Wirkung auf die Gesellschaft näher beobachten. Auch wollen wir einige Fortschritte in Wissenschaft, Forschung und Technik im 20. Jahrhundert skizzieren, da es nicht annähernd möglich ist, den horrenden Fortschritt ausgewogen hier darzustellen.

Die Physik galt am Ende des 19. Jahrhunderts als abgeschlossen. Es gab lediglich einige Lücken, die aufzufüllen waren, glaubte man. Bis zu diesem Zeitpunkt sah man immer noch elektrische und magnetische Felder als Verformung und Verspannung eines überall vorhandenen Fluidums namens »Äther«.

Hendrik Antoon LorentzHenri Poincaré

Henrik Antoon Lorentz und Henri Poincaré trugen zur Relativitätstheorie bei [L10]

Wichtige Erkenntnisse am Ende des 19. Jahrhunderts brachte das Weltbild der Physik ins Wanken. Einige waren die Entdeckung der Radioaktivität, das Auffinden der quantenhafen Ausstrahlung der Energie und der 1886 durchgeführte Versuch von Albert Abraham Michelson (1852-1931) und Edward Williams Morley (1838-1923), woraus zur allgemeinen Überraschung folgte, dass die Geschwindigkeit der Erde relativ zu dem allumfassenden Äther im Weltall genau null ist. (Dieser und andere Versuche, die Geschwindigkeit der Erde im Äther zu messen, waren erfolglos. Bis Albert Einstein hielt man jedoch verkrampft an der Idee eines Äthers fest.) Aus diesen Ergebnissen kamen Hendrik Antoon Lorentz (1853-1928) und George Francis Fitzgerald (1858-1901) zu dem Ergebnis, dass bewegte Gegenstände sich in Bewegungsrichtung verkürzen (Lorentzkontraktion). Diese neuen Erkenntnisse wurden zum Anstoß für die sogenannte Relativitätstheorie. Ein Anstoß zum Nachdenken war auch, dass in den Maxwellgleichungen für die magnetische Auswirkung eines veränderlichen Stromfeldes Ampères Stromgesetz, für die elektrisch Auswirkung eines veränderlichen magnetischen Feldes aber Faradays Induktionsgesetz anzuwenden war, obwohl man bei der relativen Bewegung der Spule zum Magnetfeld oder des Magnetfeldes zur Spule doch ein einziges Gesetz erwarten würde.

Eine Weiterentwicklung dieser Gedanken gelang Albert Einstein (1879-1955). Er erkannte, dass durch das Michelson-Morley-Experiment bewiesen wurde, dass es unmöglich ist, die absolute Geschwindigkeit eines Körpers im Weltraum festzustellen. Aufbauend auf die Mathematik von Henri Poincaré zeigte er 1905, dass daraus zwingend eine Reihe von revolutionierenden und zunächst unglaublich erscheinenden Aussagen folgt, nämlich dass es z. B. keine absolute Gleichzeitigkeit gibt. Die Masse eines nahezu mit Lichtgeschwindigkeit bewegten Körpers hängt von der relativen Geschwindigkeit des Beobachters zu der Masse ab. Masse und Energie sind gleichwertig und können ineinander umgewandelt werden. Die Aussagen der Relativitätstheorie wurden zum Großteil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts experimentell bestätigt.

Max Planck (1858-1947) stellte die Hypothese auf, dass die Energie von Wellen nicht in beliebig kleinen Portionen abgegeben werden kann, sondern die kleinstmögliche Menge an Energie proportional dem »Plankschen Wirkungsquantum« ist. Einstein zog daraus 1905 den richtigen Schluss, dass ein Lichtstrahl - energetisch betrachtet - aus winzigen Kügelchen bestehen müsste, die jeweils diese Energie haben. Andererseits war auch die Wellennatur des Lichtes unbestritten. Dies führte zu einer Doppeldeutigkeit: das Licht verhält sich bei Experimenten mit Energieaustausch wie Korpuskeln, bei Beugungsexperimenten als Welle. Ähnliches gilt auch für die Materie, wie sich bald herausstellte. Gemäß Niels Bohrs (1885-1962) Atommodell kreisten die Elektronen um den Atomkern, ohne elektromagnetische Wellen auszustrahlen. Louis-Victor Duc de Broglie (1892-1987) kam 1924 zu der Erkenntnis, dass jedem Elektron auch eine Welle zuzuordnen sei. Dies wurde von Davisson und Germer 1927 experimentell bestätigt.

Niels BohrMax PlanckWerner HeisenbergLord RutherfordErwin Schrödinger

Die Physiker Max Planck, Werner Heisenberg, Lord Rutherford und Erwin Schrödinger [L10]

Man hatte nun ein gewisses Problem: Sowohl das Licht als auch die Materie verhielten sich wie eine Welle, jedoch auch wie Teilchen. Wie war das zu erklären? Eine geschlossene Theorie kam von Werner Heisenberg (1901-76), Max Born (1882-1970) und Pascual Jordan (1902-80), die man heute Quantenmechanik nennt. Hier wurde hauptsächlich mit Matrizen gerechnet, wogegen Schrödinger (1887-1961) in seiner Wellenmechanik jedes Teilchen durch ein Wellenpaket darstellte. Mit diesen Vorstellungen war der atomare Bereich zu erklären. Die Kausalität wurde aber abgeschwächt, indem nicht mehr eine Ursache immer eine ganz bestimmte Wirkung hatte. Durch die Unbestimmtheitsrelation wird klar, dass das Wissen entweder über den Ort oder die Geschwindigkeit beliebig genau sein kann, aber nicht beides zugleich. Damit wurde die Voraussage der Wirkung einer Ursache im mikroskopischen Bereich beeinträchtigt. Die Ungenauigkeit im makroskopischen Bereich ist aber verschwindend klein und darum praktisch unbedeutend.

Die Tatsache, dass die Kausalität nicht mehr gilt, hat eine sehr große Breitenwirkung erzielt und auch Philosophen, Biologen und Theologen veranlasst, eine Reihe von Spekulationen anzustellen. Diese gingen so weit, hieraus eine Möglichkeit für die Freiheit des menschlichen Willens abzuleiten. Einstein hat dieser Spekulation sein ganzes Leben lang tatkräftig widersprochen.

Es wurden außerdem sogenannte Elementarteilchen festgestellt, aus denen die Materie besteht und die sonst im Kosmos vorkommen. Die Radioaktivität zeigte, dass die lang herrschende Vorstellung, Atome wären die beständigen Teilchen des Weltalls, nicht stimmt. Dies wurde durch die Kernreaktion weiter durch Lord Rutherford bestätigt. Schließlich entdeckte man, dass auch diese mittlerweile zu hunderten angewachsene Schar von Elementarteilchen aus sogenannten »Quarks [23]« aufgebaut sind.

1875 untersuchte man Halbleiter, als Karl Ferdinand Braun (1850-1918) feststellte, dass Bauelemente aus Metallsulfide oder Metalloxide elektrischen Strom nur in eine Richtung durch lassen. Man verwendete sie als Diode zur Gleichrichtung ein halbes Jahrhundert später, da man das Phänomen erst dann verstand. 1948 erfanden John Bardeen, Walter Hauser Brattain sowie William Schokley den Transistor, der zur Verstärkung von elektrischen Strömen an Stelle der Triode verwendet wurde. Zehn Jahr später gelang es das erste Mal, mehrere Bauteile auf einer Chip zu platzieren: Die integrierte Schaltung war geboren. Diese Entwicklung führte zur Miniaturisierung von elektronischen Bauteilen und einer stürmischen Entwicklung, aus der sich die Elektronik als neuer Teilbereich entwickelte. Zu dieser Entwicklung trug auch maßgeblich die Raumfahrt bei, wodurch der Mensch einen uralten Traum, nämlich den Flug in den Weltraum, verwirklichen konnte. Nur so war eine Verbreitung von Transistorradios, elektronischen Uhren, Rechner aller Art, künstliche Intelligenz (KI), Internet und die neue multimediale Welt möglich.

Der Laser, ein sehr energiereiches Licht einer bestimmten Frequenz mit synchronisierten Wellenbergen und -tälern wird heute in verschiedenen Bereichen wie der Medizin, dem Militär, zur Herstellung von Hologrammen, in CD-Laufwerken für Computer und Musik u. v. a. m. verwendet.

Die Quantenchemie nutzte die Erkenntnisse der Quantentheorie und erkannte die Elektronenanordnung in den Atomen und Molekülen. Sie brachte eine Annäherung zwischen Chemie und Physik im atomaren Bereich. Durch die Nanotechnologie hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Verschmelzung von Biologie, Chemie und Physik stattgefunden.

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Positivismus, die Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Industrie, gepaart mit einem unbedingten Fortschrittsglauben hat im 20. Jahrhundert sein Resultat gefunden: die moderne Welt. Ist diese Welt zum Nutzen oder zum Schaden des einzelnen Menschen? Diese entscheidende Frage ist sicher heute noch nicht endgültig beantwortet. Der Mensch muss sich also in allen Gesellschaftsordnungen immer wieder die gleiche Frage stellen: Wo ist mein Platz in dieser Welt? Bringt der Fortschritt mir Glück und Selbstverwirklichung oder wendet er sich endgültig gegen mich?

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird die Moderne immer mehr in Frage gestellt, ihr Wert verstärkt in Zweifel gezogen. Bewirkt haben dies die Erfahrungen zweier großer und zahlreicher kleiner Vernichtungskriege, die im Namen der Moderne geführt wurden. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass diese Welt die Mittel zu ihrer eigenen Vernichtung geschaffen hat, sei es durch den atomaren Krieg, sei es durch die Zerstörung des natürliche Lebensraumes. Der Mensch begeht also einen doppelten Selbstmord, ohne den verantwortlichen Menschen zu sehen - es ist nicht ein Mal ein Freitod. In ihrer »Dialektik der Aufklärung« stellten die beiden Philosophen Adorno und Horkheimer fest, dass aus den Ideen und der Vernunft der Aufklärung, die ja den Menschen in den Stand setzen wollte, seine Welt und die Natur selbst zu gestalten und zu bestimmen, inzwischen Instrumente der Machtausübung und der Vernichtung geworden sind.

Die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat versucht, auf viele Fragen Antworten zu geben: auf die Fragen nach der Wahrheit und der inneren Logik der Welt, nach der Struktur der Sprache, nach der Existenz des Menschen, nach den Möglichkeiten von Hoffnung, auf die Fragen danach, ob, und wenn ja, wie Freiheit in einer perfekt durchorganisierten Welt noch möglich ist. Durch verschiedene Antworten wird es klar, dass die Philosophie unsicherer denn je der Welt gegenübersteht, nicht in der Lage ist, Spiegel der Zeit zu sein, ihre Zeit in Gedanken zu fassen, dem Menschen auf zu antworten. Darum auch die Frage: wozu noch Philosophie? »Wer hat Angst vor der Philosophie?« ist die Gegenfrage, die manche Philosophen stellen.

Durch Edmund Husserl (1859-1938) und Max Scheler (1874-1928) wird nach dem Motto »zurück zu den Sachen« eine Philosophie entwickelt, die als Phänomenologie bekannt ist. Husserl will die Philosophie zu einer richtigen Wissenschaft machen. Sie will unangreifbare Wahrheiten feststellen. Als Lehre des Wesens der Erscheinungen (der Phänomene) versteht sie sich als Grundwissenschaft, will sie die erste Verwirklichung von Philosophie als strenge Wissenschaft sein.

Max Scheler verbindet mit dem konkreten Erleben der Welt die Phänomenologie. Für ihn ist sie »der Name für eine Einstellung des geistigen Schauens, in dem man etwas zu er-schauen oder zu er-leben bekommt, was ohne sie verborgen bleibt: nämlich ein Reich von Tatsachen eigentümlicher Art. .... Das erste, was eine auf Phänomenologie gegründete Philosophie als Grundcharakter besitzen muss, ist der lebendigste, intensivste und unmittelbarste Erlebnisverkehr mit der Welt selbst.« An Stelle der Intuition tritt das Fühlen als Quelle von Erkenntnis.

Einfluss der Naturwissenschaften

Einfluss auf den Menschen

Menschen sind soziale Wesen und durch Entwicklungen der Gesellschaft beeinflussbar. Auch Wissenschaftler sind Menschen und können sich diesem Einfluss nicht ganz entziehen. Dazu kommt noch der Einfluss einer Ideologie oder von einem zur Gewissheit gewordenen Glaube, der ihre Arbeit beeinflussen kann. Es können hierzu zahlreiche Beispiele aufgezählt werden.

Einfluss auf die Philosophie

Moritz Schlick (1882-1936), der Begründer des »Wiener Kreises«, von dem in den 1920er Jahren eine neue »wissenschaftliche« Philosophie ausgehen sollte, meint in seinem Aufsatz, dass sich die Philosophie in ihrer Geschichte nur mit Scheinproblemen herumgeschlagen habe. Er glaubt aber auch, die Wende in der Philosophie sei erreicht, weil er sie im Besitz der Mittel wissenschaftlicher Erkenntnis wähnt, die von der Logik und der Physik herrühren. Die neue Philosophie spaltet die Philosophie in eine »wissenschaftliche« und eine »metaphysische«. Hans Reichenbach bezeichnet letztere als »Gegenstand der Verachtung, vor welcher der Wissenschaftler sich fern halten möchte«.

Die Wende in der Philosophie geht auf die Ergebnisse des Positivismus zurück, gründet sich auf der wissenschaftlichen Erkenntnis der Physik, die die Natur »vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben« vorhabe (Kirchhoff).

Ob Resultate der Wissenschaft auch philosophische Implikationen haben können, ist bis heute Grund für kontroversen Diskussionen zwischen Wissenschaftlern und manchen Philosophen. Die Frage kann aber von keiner Seite eindeutig beantwortet werden, da es sich hier um Einstellungen gegenüber der Naturwissenschaft und nicht um logische Beweise handelt, die solche Implikationen ausschließen könnten [A3].

Einfluss auf die Gesellschaft

Der Fortschritt in Naturwissenschaft und Technik hängt wesentlich davon ab, wie stark ihn die menschliche Gesellschaft fördert und welche geistige Haltung sie ihm gegenüber einnimmt. So führt eine negative Einstellung zu der Forschung oder einem Bereich der Technik dazu, dass in diese Richtung nicht mehr investiert wird und keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden können. Umgekehrt wirkt jede neue wissenschaftliche Erkenntnis und jede neue Erfindung auf die menschliche Gesellschaft und auf die Politik ein. Es ändern sich Strategien, Gesetze müssen auferlegt werden, um den Missbrauch zu verhindern und andere Probleme zu lösen. Heute tritt im Westen die Frage nach der Verantwortung in Naturwissenschaft und Technik immer mehr in den Vordergrund.

Diskussionen über Sinn und Grenzen der Technik haben schon immer stattgefunden. Es ist auch hier interessant und notwendig, die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft, Technik und der Gesellschaft genauer zu studieren - eine mit Spannungen beladene Beziehung.

Die Stellung der Naturwissenschaften und Technik im Bürgertum war nicht so hoch, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts standen dort die humanistische Bildung und die schönen Künste im Vordergrund. Erst danach gewannen Naturwissenschaften und Technik immer mehr an Raum. Auch heute noch verzeiht man leichter eine Unkenntnis grundlegender naturwissenschaftlicher Fakten als etwa in Fragen der Erdkunde, Geschichte oder Soziologie.

Der Ursprung aller technischen Erfindungen ist der Wunsch, durch Nutzung der Naturgesetze sich Mühe und Arbeit zu ersparen. Waffen erleichterten das Erlegen der Beute und den Sieg, mit der Kommunikation (Trommeln, Rauch, moderne Kommunikationstechniken) konnte man Informationen schneller verbreiten und brauchte nicht mehr Boten zu schicken. Mit fortschreitender Technik steigt aber gleichzeitig die Gefahr, dass sich die Beziehung umkehrt: Der Mensch fängt an, der Maschine zu dienen. Arbeitsfreude und Anteil am Schaffensprozess gehen mit monotoner Arbeit verloren. Es bedarf dann neuer Impulse und einer neuen Geisteshaltung, um diesen Nachteil der Technik zu überwinden.

Die Technik beeinflusst nicht nur die Art, wie Menschen ihre tägliche Arbeit verrichten, sondern das gesamte Leben. Billigere Energie bedeutet höherer Wohlstand, Bequemlichkeit, weitere Reisen. Diese Entwicklung wird von einigen als Wohltat, von anderen als Nachteil, wenn nicht sogar als ernste Bedrohung angesehen.

Ein aktuelles Beispiel für Kritik bei der Einführung einer Technologie sind die Diskussionen über den Bau von Atomkraftwerken. Auch hier werden manche richtige Argumente angeführt, welche die Risiken betreffen, teilweise jedoch auch irrational sind. Eine Ablehnung wird mit möglichen Gefahren begründet, daneben aber auch damit, dass ein Leben in Energieüberfluss nicht mehr erstrebenswert sei.

Technischer Fortschritt ist einerseits mit Vorteilen, andererseits mit Risiken verbunden. Beides muss sorgfältig abgewogen werden, bevor man neue Technologien einführt.

Nicht nur wegen erhöhter Risiken und irrationaler Angst wird Technik abgelehnt. Auch die sozialen Folgen neuer Technologien sind bisweilen beträchtlich. Als Maschinen zum Spinnen und Weben eingeführt wurden, nahm die Arbeitslosigkeit zu, und ganze Bevölkerungsschichten gerieten ins Elend. Dass dies eine Feindschaft gegen die Technik bewirkte, ist verständlich. Heute steht man vor dem Problem, dass als Folge der Automatisierung von Produktionsprozessen Arbeitskräfte frei werden. Manche nehmen dies zum Anlass, sich gegen die Rationalisierung zu wenden. Man muss aber bedenken, dass unser Fortschritt und Lebensstandard auf solchen Rationalisierungsmaßnahmen beruht. Nach längerer Zeit gibt es für die freigestellten Arbeitskräfte zum Teil andere Beschäftigungsmöglichkeiten. Selbstverständlich muss für die soziale und auch menschliche Versorgung der zunächst Betroffenen allgemein eingetreten werden.

Schlusswort

Das Zeitalter der Moderne entstand im Westen durch mehrere Faktoren:

  1. Der Drang zum Erkennen im Menschen wollte den Glauben verstehen, konnte aber den Widerspruch der Trinitätslehre nicht lösen. Dies führte zur Abwendung von der Religion.
  2. Um sich ohne die Kirche aufrichten zu können wurde auf die am Ende des Mittelalters wohl bekannte Philosophie des Altertums zurückgegriffen, die religionsunabhängig war und aus einer Zeit stammte, die beeindruckendes Wissen und Wohlstand hervorgebracht hatte.
  3. Durch neue Erkenntnisse, die sich durch den Buchdruck in Städten schnell verbreiteten und deren Resultate durch die Technik von jedem ohne die Forderung zu glauben erkannt werden, wurde dem wirklichkeitsbezogenen Wesen Mensch immer wieder klar, dass die Lehre der Kirche ungenau und sogar falsch war. Somit wurde die wirklichkeitstreuere Lehre der Wissenschaft zur Quelle der Wahrheit.

Es gab in diesem Zeitalter, dass bis heute weiter besteht, folgende Entwicklungen:

  1. Anstelle vom Glaube an die Kirche trat am Anfang der Glaube, dass das denkbare Sein auch das reale sei. Dieser Traum ist mit der Philosophie der Aufklärung ausgeträumt. Von der unendlichen Freiheit blieb ein Hauch von Freiheit zurück, die man nur noch in den Momenten genießt, wo man ein Kunstwerk betrachtet.
  2. Die Kirche trat ein Rückzugsgefecht an, was bis heute andauert. Von der einstigen Großmacht ist nur noch eine finanzielle Macht zurückgeblieben, die politisch wenig beeinflussen kann.
  3. Die Wissenschaft und Technik gingen zielstrebig voran und beeinflussten sich gegenseitig. Es wurde praxisbezogen gearbeitet. Ein rasanter Fortschritt war die Folge. Bereiche der Wissenschaft spalteten sich in neue Teilgebiete auf und wurden derart umfangreich, dass nicht ein Mal Experten das ganze Wissen ihrer Richtung beherrschen können, geschweige denn das Wissen ihrer Zeit. Keiner konnte sich erdenken, welche Bereiche der Naturwissenschaft durch die neuen Erkenntnisse beeinflusst werden können, wie z. B. die Philosophie selbst!
  4. Die Forschung für Wissenschaft und Technik wurde durch die Staaten unterstützt, weil man seine politische Interessen dadurch stützen konnte. Ideologien stützten sich manchmal auch auf wissenschaftliche Ergebnisse. Die Forschungseinrichtungen wurden im 20. Jahrhundert so teuer, dass nur wenige von den Begabten die Möglichkeit bekommen, zu forschen.
  5. Die wissenschaftlichen Theorien haben nicht mehr die Lebensdauer eines geozentrischen Weltbildes, welches zwei Jahrtausende überlebte. Die klassische Mechanik erwies sich nach 218 Jahren als falsch, und die Relativitätstheorie steht vor einer Verschmelzung mit der Quantentheorie. Somit sind sie im wahren Sinne des Wortes nicht glaubwürdig und können nicht mehr als Pseudoreligion fungieren. Da es nach dem Abstreifen der »Fesseln des Glaubens« und vielleicht auch noch der »Fesseln der Vernunft« keinen Halt mehr gibt, breiteten sich Desorientierung und psychische Probleme aus. Die Moderne zeigte, dass es kein absolutes Wissen geben kann. So trug sie indirekt auch dazu bei, dass gezwungenermaßen ein für die Psyche schwer erträglicher Zustand erreicht wurde.
  6. Die Grundüberzeugung von Toleranz, Freiheiten (Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Religionsfreiheit und die persönlichen Freiheiten) setzten sich ziemlich, die Gleichheit und Brüderlichkeit weniger durch, da der Nationalismus an Boden gewann und zum Teil der Rassismus vorherrschte.
  7. Da man zu dem Schluss kam, dass die Freiheit nur in dem Moment besteht, wo man Kunst betrachtet, wollte man wenigstens sie hier nicht einschränken. Die Regeln der Moral wurden schon am Anfang der Neuzeit aufgegeben, indem z. B. obszöne Szenen gemalt oder unethische Handlungen in Liedern besungen wurden. Danach ging nun darum, die Kunst von allen Regeln zu befreien. Somit wurde die Handlung des Künstlers schon als Kunst gesehen, das freie Schaffen und der Mensch selbst als Kunstwerk, wodurch Künstler hohes Ansehen gewannen. Diese Befreiung von jeglichen Regeln gilt nicht nur für die bildenden Künste, sondern auch für die moderne Literatur, die zuerst im Klassizismus die Antike wiederbelebte, dann der Romantik ergeben war und anschließend zum Realismus fand. Die heutige Literatur des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts kennt Lyrik ohne Reim und Maß sowie Prosa, die sich wie zusammenhanglose Sätze lesen lässt: es werden Gedanken einfach ausgelassen. Trotz alledem will man in der Literatur viel konkreter als in allen anderen Bereichen der Kunst dem Leser Ideen vermitteln. Die Baukunst zieht immer mit einiger Verspätung nach, da sie ausschließlich auf Aufträge angewiesen ist. Heute gibt es die moderne Architektur, die helle zweckmäßige Gebäude errichtet, womit ein Trend zur Transparenz (Demokratie) symbolisiert wird.

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Letzte Änderung: 1999.11.13 (UT).
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