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Es unterscheiden sich nicht nur die Philosophien von damals und heute, sondern auch die Wissenschaften und die Technik. Schon frühe Kulturen, besonders in Ägypten und Babylon, waren sowohl in der Mathematik als auch in den Naturwissenschaften für ihre Zeit fortgeschritten. Man kann darüber spekulieren, warum das naturwissenschaftliche Denken im Vergleich zu den anderen kulturellen Leistungen erst so spät bei den Hochkulturen erwachte. Eine Erklärung ist die, dass in Ägypten und Babylon das Wissen ein Vorrecht der Priester blieb, das nur innerhalb dieser Kaste weitergegeben wurde. So waren die Astronomischen Beobachtungen für sie wichtig, da sie meinten, das Leben der Menschen werde von den Gestirnen beeinflusst. Auf den Ionischen Inseln und dem griechischen Festland dagegen war es jedermann zugänglich und wurde weit verbreitet. Dies entfachte naturgemäß die Diskussion, die damals wie heute eine unabdingbare Voraussetzung für naturwissenschaftlichen Fortschritt ist.
Ptolemäus [L10]
Der erste uns bekannte Naturphilosoph war Thales von Milet. Für ihn kam alles vom Wasser. Anaxagoraserkannte einige Naturphänomene richtig.
Die richtige Philosophie[4] aber fängt eigentlich erst nach den Naturphilosophen mit Parmenides an. Ab seiner Zeit wurde anstelle von »Was ist der Ursprung der Welt?« zaghaft die Fragen »Was ist Welt?«, »Was ist Sein?« gestellt. Er war der Ansicht, dass das Universum unveränderlich und Zeit eine Illusion ist. Nach ihm kamen die Sophisten, die Gegner der Religion waren und alles relativierten. Ihnen folgte Sokrates, der in Athen lebte und ein Philosoph der Straße war. Er hatte eine Eigenart, sich den Passanten aufzudrängen und ihnen seine am Anfang naiv erscheinenden Fragen unaufgefordert zu stellen, die vom Befragten prompt beantwortet zu weiteren Fragen führten. Bald bemerkte der Gesprächspartner aber, dass all das, was bis zu dem Zeitpunkt für ihn klar und deutlich gewesen war, sich mit ein Mal als völlig unklar herausstellte. Ziel Sokrates' war es, die Athener wachzurütteln und sie aus ihrer Krise zu befreien. Ihm warf man vor, er leugne die Götter und verführe die Jugend, weshalb er hingerichtet wurde.
Plato war Sokrates' Schüler und hatte schon zu seiner Zeit großen Einfluss. Er lehrte, dass die reelle Welt aus universellen Ideen bestünde, die unveränderlich in den Köpfen der Menschen wären, während die Welt sich ständig ändere. Er war der Ansicht, die Natur könne nur durch reines Nachdenken ergründet werden. Weil für ihn z. B. die Kugel der vollkommenste Körper und der Kreis die vollkommenste Figur war, musste das All kugelförmig sein und die Planeten sich ausschließlich auf Kreisbahnen um die Erde als Zentrum bewegen.


Sokrates, Plato, Aristoteles [L9]
Auch für Aristoteles war die Welt nur ein Schein der Wahrheit - für ihn Idee an sich. Darum war er der Überzeugung, man könne nur durch Denken weiterkommen. Alles, was wir kennen, gehört der Welt der Erscheinungen, meinte er. Die Welt des wahren Seins ist in den Ideen, die nur durch Geist und die Seele des Menschen zu erkennen sind. Er kam zu der Ansicht, Erde und Weltall bestünden aus verschiedenen Sphären. Zunächst kommen die Sphären der vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Diese werden von den Sphären des Mondes, der Sonne sowie den fünf damals bekannten Planeten umgeben. Zwischen ihnen war das Element Äther, worauf die Sphären reibungslos gleiten konnten. Dieses ganze System wird von der Sphäre der Fixsterne umschlossen. Eudoxos (408-355 v. Chr.), ein griechischer Mathematiker und Astronom, vervollkommnete noch dieses Modell und kam insgesamt auf 34 Sphären. Damit war der Keim für das so verwickelte ptolemäische Weltsystem gelegt, das zweitausend Jahre lang den Fortschritt hemmen sollte. Aristoteles behauptete auch, dass die Gestalt eines Körpers darüber entscheide, ob er im Wasser schwimmt oder nicht. Erst Archimedes (287-212 v. Chr.) erkannte, dass es mehr auf das »spezifische Gewicht« des schwimmenden Körpers ankommt als auf sein Gewicht. Er bewies, dass die Auftriebskraft dem Gewicht der durch das Objekt verdrängten Flüssigkeit entspricht.
Archimedes[L10]
Aristoteles trug dazu bei, dass die Philosophie die führende Wissenschaft wurde. Er ordnete alle anderen Teilgebiete wie Mathematik, Naturwissenschaften, Ethik und Kunst der Philosophie unter. Erstmals systematisierte er sie, und alle Philosophen waren danach bemüht, ihr Leben der Ausarbeitung eines umfassenden Denksystems zu widmen. Er unterscheidet sein System in die theoretische und die praktische Philosophie.
Die Krise Athens führte dazu, dass die Stadt von den Mazedoniern von Alexander dem Großen eingenommen wurde, der übrigens auch Schüler von Aristoteles war.
Das Römische Reich war ein Vielvölkerstaat, was wohl als das erste Großreich in der Geschichte bezeichnet werden kann. Es beheimatete Menschen verschiedenster Rassen, Religionen und Überzeugungen. In dieser Zeit gab es in der christlichen Welt verschiedene philosophische Strömungen. Man kann hier den Neoplatonismus nennen, der vom Philosophen Plotin im 3. Jahrhundert n. Chr. verbreitet wurde. Ursprung des Seins sieht Plotin in dem, was er Ur-Eines nennt. Es enthält die Vielfalt des Seins in sich. Das Denken Plotins steht am Ende der Antike. Seine Gedanken, dass die Philosophie der Weg zur Einheit mit Gott bedeute, richtet den Blick auf die nächsten Jahrhunderte und auf das Verhältnis zur Theologie.
Augustinus [L9]
Auch bei Augustinus (354-430) ist diese Vorstellung ausgeprägt. Er hatte einen großen Einfluss auch im Mittelalter auf das Denken der Kirche und war einer der großen Kirchenväter. Er sagte: »Sagt der Mensch: ich möchte einsehen, um zu glauben, so antworte ich: glaube, um einzusehen«. Durch die Erleuchtung des Glaubens alles andere versuchen, zu verstehen, wurde auch vom Menschen des Mittelalters verlangt. Augustinus verbreitet seinen eigenen Weg zu Gott als gültige Wahrheit. Seine Grundüberzeugung war: »Ich zweifle, also bin ich«. Die absoluten Wahrheiten sind in Gott verankert, denn er ist die »unwandelbare Wahrheit«. Er ist die Offenbarung, die Seele der Welt. Dies muss der Mensch glauben. Man sieht bei ihm auch eine Lehre der Prädestination - das der Mensch zum Guten oder Bösen vorbestimmt ist. Seine Lehre beinhaltet die Grundlagen für die Abhängigkeit der Philosophie von der Religion und setzt den letzten Grund allen Seins in Gott.
Nach der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion und der wachsenden Macht der Kirche kommt es zu Konflikten mit den Philosophen, weil die Kirche keinen Widerspruch mit ihren Dogmen duldet. Die von Augustinus gelegte Richtung wurde von den Scholastikern verstärkt. Sie versuchen, das Christentum als Vernunftwahrheit auszuweisen. Hier wird die Philosophie zum Werkzeug.
Ab dem 10. Jahrhundert ist auch durch die Kreuzzüge ein großer Einfluss der Muslime zu verzeichnen. Die Werke der alten Griechen erreichen Europa nicht etwa durch Übersetzungen aus dem griechischen, sondern aus dem arabischen. Aber nicht nur, dass die Muslime als Überbringer der alteuropäischen Kultur dienen, sie bewirken viel mehr. Neue Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie, Medizin, Chemie und anderen Bereichen wurden auch übernommen. Einige Mönche besuchten, als muslimische Studenten verkleidet, Universitäten im damals muslimischen Spanien. Viele Übersetzungen mit veränderten Autornamen wurden vervielfältigt und gelesen.
Das Mittelalter (von 500 bis 1400 n. Chr.) ist dadurch geprägt, dass die Kirche danach strebt, sich gegenüber anderem Denken durchzusetzen. Sie kämpft einerseits gegen philosophische und mystische Strömungen, andererseits gegen den heidnischen Glauben, der im Bewusstsein der Völker nördlich der Alpen noch tief sitzt. Sie hat Reichtum angehäuft und große Macht erlangt. Letztlich bestimmt sie nicht nur die religiöse, sondern auch die weltliche Ordnung.
Mit der Frage der Philosophie und ihren Grenzen beschäftigen sich immer wieder wichtige Persönlichkeiten des Mittelalters, die die Philosophie auf die sogenannten natürlichen Wahrheiten beschränken möchten.
Albertus Magnus [L10]
Nach der Auflösung der Scholastik, was unaufhaltsam war, gesellte sich ihrer Kritik an den Kirchendogmen die Kritik der Mystik. Während die Scholastik hauptsächlich eine romanischen Geistesbewegung war, ist die Mystik eher im deutschsprachigen Raum beheimatet. Für sie ist nicht Denken an Gott das menschliche Ziel, denn »alles, was man von Gott sagen kann, das ist Gott nicht«, sondern Gott-in-sich-haben. »Gott und ich, wir sind eins.« Die Mystik stellte das Ich mit ein Mal in den Mittelpunkt, das ja plötzlich nicht weniger als Träger der Wahrheit wurde. Sie hatte sich weit vom dogmatischen Glaube entfernt. Meister Eckart wurde der Prozess gemacht.
Roger Bacon (1214-94), ein Dominikanermönch, schrieb in »Opus Maius« sämtliche wissenschaftliche Kenntnisse seiner Zeit nieder. Er vertrat sogar die Meinung, die Erde drehe sich um die Sonne. Er konzipierte Pläne für Autos, Schiffe und Flugzeuge! Seine Schriften hielten das Experiment besonders hoch, ja als wichtigste Quelle der Erkenntnis. Er war in diesem Punkt Vorläufer von moderner Physik und Chemie. Auch Nicolaus Oresmius, Bischof von Lisieux (um 1230- um 1282) und der Kardinal Nicolaus von Kues (1401-64), Cusanus genannt, waren wichtige Wissenschaftler. Sie vertraten auch die Ansicht, die Erde kreise um die Sonne.
Cusanus ist einerseits ein Vollstrecker des Papstes, andererseits schon von den neuen Gedanken beeinflusst und stellt Fragen, die die christliche Philosophie bis dato noch nicht gestellt hat. Sein Denken ist eine Philosophie der Vermutungen, nicht der abgeschlossenen, sicheren Erkenntnis. Dabei stützt er sich auf seine eigene mathematische Forschung und kommt zu der Vermutung, Gott sei die »absolute Unendlichkeit«, auf die alles in der Welt hinstrebt. Bei Cusanus ist der Einfluss der Mathematik so groß, dass er mit ihr sogar auf Gott Bezug nimmt. Der Widerspruch, alles auf Gott hinzuführen und gleichzeitig die Stellung des Menschen im Universum als eigenständiges Subjekt zu bestimmen, ist für Cusanus noch nicht lösbar - ein Subjekt, dass auch besonders stark bei der Mystik in Vorschein tritt, obwohl diese den Ursprung von allem in Gott sieht. Dieses In-den-Mittelpunkt-stellen des Menschen ist ein Gedanke, der die Renaissance vorbereitet.
Obwohl man im Mittelalter Philosophen außer Sokrates, Plato und Aristoteles kannte, waren ihre Werke größtenteils verpönt, weil sie als gottlos galten. Sie wurden aber insgeheim doch gelesen, und ihr Einfluss war zum Teil groß - trotz zeitweiligem Verbot der Kirche. Unvermeidlich bildeten sie den Konfliktstoff zwischen Theologie und Philosophie, weil ihr Gedankengut den Mythos[6]durch die Vernunft[7]ersetzen wollte. Die christlichen Denker des Mittelalters versuchten, Glaube und Vernunft zu vereinen, scheiterten aber daran, weil der christliche Glaube mit seiner Trinitätslehre einen unauflöslichen Widerspruch bildet. So kam es zur Kritik, weil die Vernunft sich dahingehend umkehrt, wenn sie auf die Schranken des unerschütterlichen, übervernünftigen Glauben stößt.
Die Druckerei, die es schon um 1000 in China gab und im Mittelalter in Europa existierte, aber um 1450 von Gutenberg verbessert wurde, indem er Blei als Material anstelle von Holz verwendete, wurden Bücher billiger, und man konnte sie schnell vervielfältigen. Mit dieser neuen Möglichkeit konnte sich das neue Wissen rasch verbreiten und von vielen gelesen werden. Damit war die Voraussetzung für die Blüte der Naturwissenschaften und für die industrielle Revolution geschaffen.
Hat der Kompass dem Fortschritt in der modernen Navigation gedient und die Nachfrage nach präzisen Karten geschaffen, so haben Verlage durch die Druckerei Karten dazu beigetragen, dass Karten viele Menschen sich leisten konnten und entriss deren Produktion aus den Händen der Mönche, deren Karten nicht ausschließlich auf Messungen, sondern auf den Mythos beruhte [L5].