Anhang 4

Wissenschaft und Gesellschaft:

Für das komplette Interview siehe Neue Zürcher Zeitung , wo das Gespräch mit John Horgan, dass der NZZ-Redaktor Felix E. Müller führte, zu finden ist.

Götterdämmerung des wissenschaftlichen Zeitalters?

Über die Grenzen des Fortschritts und den Boom naturwissenschaftlicher Spekulation

     In einem umstrittenen Buch hat der amerikanische Wissenschaftsjournalist John Horgan die These vom «Ende der Wissenschaft» aufgestellt. Seiner Meinung nach sind die wissenschaftlichen Grundlagen unseres Universums bekannt. Die Fragen, die jetzt noch unbeantwortet seien, ließen sich mit wissenschaftlichen Methoden gar nicht klären. Wissenschaftliche Fortschritte gebe es höchstens noch im Bereich der angewandten Forschung.

    Nach seiner Definition versucht die Wissenschaft, Gesetze der Natur zu entdecken, die sich unbesehen von Ort und Zeit universell anwenden lassen. Dies im Unterschied etwa zur Geschichte, die sich mit örtlich und zeitlich genau lokalisierten Themen beschäftigt, oder auch im Unterschied zur Philosophie, die Fragen angeht, welche wissenschaftlich nicht lösbar sind. Wegen dieser Unlösbarkeit sind für ihn Philosophie und Theologie ironische Wissenschaften, da durch sie man an die «Wahrheit», der empirisch kontrollierbaren Wahrheit, nicht näher kommen könne. Die noch ungelösten Fragen gehören fast alle in die Kategorie derjenigen, die sich nie werden lösen lassen. Das die Menge der grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse begrenzt sei, sage der gesunde Menschenverstand und die Wissenschaft selbst, welche sich zunehmend mit Theorien beschäftige, die nicht wirklich nachgewiesen werden können (z. B. die Superstring-Theorie).

    Horgan ist der Meinung, dass nicht alle Wissenschaft an ihr Ende gekommen seien. Nur gebe es für grundlegende Neuerkenntnisse kaum eine Möglichkeit mehr: "Ich bin nur überzeugt, dass die grundlegenden Fragen unseres Universums, Fragen zur Entstehung des Lebens, zur Struktur der Materie, zur Überlieferung des Erbgutes, beantwortet sind, soweit sie sich beantworten lassen. … Nun kann man diese Kenntnisse noch verfeinern und vertiefen - oder sich den ironischen Wissenschaften zuwenden", meint er. Er sieht sich nicht in der postmodernen Strömung, die die Erkenntnis einer absoluten Wahrheit in Frage stelle. Dass Atome aus den Bausteinen Proton, Neutron und Elektron bestehen, ist unveränderlich. Dies sei nicht der Fall für Gebiete, die "am Rande des Wissens liegen". Hier gebe es keine feste Erkenntnis.

    Der wissenschaftlichen Fortschritt, der in einer weltgeschichtlich kurzen Zeitspanne verwirklicht wurde, sei jetzt an ihr Ende gekommen. Unter wissenschaftlichen Fortschritt versteht Horgan Entdeckungen, die unsere Wissensgrundlagen erweitern oder verändern. Ein Beispiel ist die Entdeckung von verschwommene Nebel im All, von denen man später bemerkte, dass es Galaxien waren wie unsere Milchstraße.

    Eine kulturelle Abhängigkeiten der Wissenschaften gäbe es in den Bereichen, die sich mit der menschlichen Natur beschäftigen. So ist etwa die Psychoanalyse mehr ein Spiegelbild der bourgeoisen Gesellschaft der Jahrhundertwende als eine wissenschaftliche Erklärung der menschlichen Natur. Aber wenn es um die Struktur der Materie geht, um die Grundlagen des Universums, dann gibt es keine kulturell bedingten Kenntnisse, meint er.

    Horgan sieht in der Wissenschaft einen "sehr mächtigen und zentralen Bestandteil unserer Kultur", die nicht von allen akzeptiert werde, weil sie sehr kalte wäre. Offensichtlich sieht Horgan z. B. in der Anthropologie nicht die oben angesprochenen kulturellen Abhängigkeiten, denn er stuft die Evolutionstheorie in die Kategorie der «ernsten» Wissenschaften ein und meint: "Sie sagt uns, dass unsere Existenz die Folge einer Serie zufälliger Mutationen ist. Sie sieht keinen Zweck des Universums". In der Kälte der Wissenschaft sieht er die den Grund, "weshalb sich die Menschen so sehr an die Religion klammern". Horgan ist offensichtlich von der philosophischen Richtungen des Abendlandes beeinflusst (wie z. B. die Wissenschaftslogik), die eben nur in den (Natur-)Wissenschaften die Quelle der Erkenntnis sieht. Denn die Frage des Seins kann ja nicht von diesen Wissenschaften, sondern nur von den «ironischen» beantwortet werden…