Anhang 3

Physik und Philosophie

Entnommen und gekürzt aus [L7], Abschnitt 2, S. 184 ff

Im Laufe der Moderne wurden Ergebnisse der Naturwissenschaft immer mehr als Erkenntnisse gesehen, die auch von mehreren philosophischen Strömungen akzeptiert wurden. So hat auch die Physik des 20. Jahrhunderts Einfluss auf die Philosophie genommen. In seinem Artikel »Die philosophische Bedeutung der Relativitätstheorie« (1954) schreibt der Philosoph Hans Reichenbach:

»Die philosophische Bedeutung der Relativitätstheorie ist zum Gegenstand widersprechender Meinungen geworden. Während viele Autoren den philosophischen Gehalt der Theorie betont und sogar versucht haben, sie als eine Art philosophisches System zu interpretieren, haben andere das Vorhandensein einer philosophischen Problematik geleugnet und die Ansicht vertreten, dass Einsteins Theorie eine rein physikalische, nur für den mathematischen Physiker interessante Angelegenheit ist. Diese Kritiker glauben, dass philosophische Ansichten mit anderen Mitteln gebildet werden als durch die Methoden der Wissenschaftler und dass sie von den Ergebnissen der Physik unabhängig sind.«

Einige glaubten, aus der Relativitätstheorie die Regel »alles ist relativ« herauszulesen und auf Gebiete wie die Ethik auszudehnen. Andererseits war die Relativitätstheorie oft heftig umstritten und wurde von Nazionalsozialisten als »jüdische Theorie«, vom dialektischen Materialismus bis 1953 als »reaktionär« eingestuft. Seit dieser Zeit wurde sie auch in den sozialistischen Ländern gelehrt [26].

Grund der weitreichenden Ausstrahlungen der Relativitätstheorie auf andere Gebiete des Geistesleben war vor allem die Einsicht, dass die Relativitätstheorie die durch Jahrhunderte ausgebaute und in zahllosen Fällen bestätigte Physik Newtons in ihren Grundlagen erschüttert hatte. So schreibt z. B. der Philosoph Sir Karl Popper über die Rolle der Newtonschen Physik im 18. und 19. Jahrhundert, dass man geglaubt habe, Newton habe »…. die erste und endgültige Entdeckung der absoluten Wahrheit über das Universum« gefunden.

Diese Wahrheit hat sich als trügerisch erwiesen. Die Relativitätstheorie zeigte, dass Raum und Zeit eine grundlegend andere Struktur aufweisen, als es in der Newtonschen Physik angenommen wurde. Wie konnte man überhaupt noch hoffen, in der Naturwissenschaft zu gesicherten Ergebnissen zu kommen? Das alte Problem der Möglichkeiten und der Grenzen menschlicher Erkenntnis musste neu durchdacht werden [27].

Aus den vielen Ansätzen, Relativitätstheorie und Philosophie in Verbindung zu bringen, soll hier exemplarisch ein Problem herausgegriffen werden. Es ist bekannt, wie schwierig die Frage nach der Natur der Zeit zu beantworten ist und dass sich die Physik zunächst einfach auf eine genaue Messung der Zeit beschränkte. Aus der Relativitätstheorie ging dann ein neuer Aspekt der Zeit hervor, nämlich ihre Vereinigung mit dem Raum zur »Raumzeit«. Können wir daraus mehr über Zeit lernen? Darüber ist auch heute eine heftige Diskussion im Gange. Manche Philosophen und Wissenschaftstheoretiker versuchen nämlich zu zeigen, dass aus der Relativitätstheorie eine Bestätigung der Ansichten des griechischen Philosophen Parmenides (5. Jahrhundert v. Chr.) folge, wonach Zeit eine Illusion und Veränderung nur Schein ist. Um die Gründe für diese Auffassung kennenzulernen, die unserem Alltagsverständnis völlig widerspricht, lassen wir wieder Sir Karl Popper zu Worte kommen, der in seiner Autobiografie schreibt:

»Ich traf Albert Einstein [im Jahre 1950] insgesamt dreimal. Ich versuchte ihn dazu zu überreden, seinen Determinismus aufzugeben, der auf die Ansicht hinauslief, das Universum sei ein vierdimensionales parmenidisches Blockuniversum, in dem Veränderungen zumindest näherungsweise eine menschliche Illusion sind (Einstein stimmte zu, dass dies seine Ansicht war und in der Diskussion nannte ich ihn "Parmenides") …. Die Realität von Zeit und Änderung schien mir die Crux des Realismus …. Als ich Einstein besuchte, war aber gerade Schilpp's Einstein-Band in der ›Bibliothek lebender Philosophen‹ erschienen. Dieser Band enthielt einen nunmehr berühmten Beitrag von Kurt Gödel, der Argumente aus Einsteins Relativitätstheorie gegen die Realität von Zeit und Veränderung ins Treffen führte.«

Kurt Gödel
Kurt Gödel [L10]

Wir sehen hier, dass auch 1950 der Streit um die Realität der Zeit und der Veränderung die gleiche Aktualität beibehielt, die sie mehr als 2500 Jahre zuvor hatte. Während Popper der Meinung war, dass Veränderungen eine reale Eigenschaft der Natur seien, argumentieren Einstein und der berühmte Mathematiker Kurt Gödel dafür, dass Veränderungen nur auf Schein und Illusion beruhen. Gödel gibt folgende Argumente dafür an:

»Es scheint, kurz gesagt, dass man [aus der Relativitätstheorie] einen eindeutigen Beweis für die Ansicht jener Philosophen erhält, die, wie Parmenides, Kant und die modernen Idealisten, die Objektivität des Wechsels leugnen und diesen als eine Illusion oder als eine Erscheinung betrachten, die wir unserer besonderen Art der Wahrnehmung verdanken. Die Argumentation ist folgende: Veränderung wird nur durch das Vergehen der Zeit möglich. Die Existenz eines objektiven Zeitverlaufes aber bedeutet (oder ist zumindest äquivalent damit), dass die Realität aus unendlich vielen Schichten des "jetzt vorhanden" besteht, die nacheinander zur Existenz gelangen. Wenn aber die Gleichzeitigkeit in dem oben geschilderten Sinne etwas relatives ist, kann die Realität auf eine objektiv bestimmte Weise nicht in solche Schichten aufgespaltet werden. Jeder Beobachter hat seine eigene Reihe von solchen Schichten des "jetzt vorhandenen", und keines dieser verschiedenen Schichtensystemen kann das Vorrecht beanspruchen, den objektiven Zeitverlauf darzustellen.«